Heimlich Kiffen in der großen Pause

30 bis 50 Kilo Cannabis werden täglich in der Stadt Salzburg verkauft. Die Konsumenten werden immer jünger.

Im SF erzählen Schüler, warum sie Gras rauchen. Und erklären Experten, wie Cannabis dem empfindlichen, jungen Gehirn schaden kann.

30 bis 50 Kilogramm Cannabis werden täglich in der Stadt Salzburg verkauft, das Gramm um zehn Euro. Ermittler des Landes- und Bundeskriminalamts     sprengten eben eine bunte, kriminelle Organisation, die Flüchtlinge schleppte und ganze  Lieferwagen voll mit Suchtgift nach Salzburg schaffte: 54 Verdächtige, 16 Sprachen, ein aus Afghanistan stammender Kopf, 433 Kilo gedealtes Cannabis. Drogenumschlagplatz war eine Wohnung im Salzburger Bahnhofsviertel. „Die Konsumenten werden immer jünger“, warnt  Polizeioberst Karl-Heinz Pracher, einige hätten bereits„mit massiven gesundheitlichen Problemen zu kämpfen“.
Marihuana, die Droge der Althippies, ist tief in bürgerliche Schichten eingedrungen.

Freigabe als Bürgerrecht?

Cannabis habe eine Imagekorrektur von 180 Grad erlebt, schreibt der Linzer Klinikpsychiater und Drogenexperte Kurosch Yazdi in seinem Buch „Die Cannabis-Lüge“ – vom Suchtgift hin zur angeblichen medizinischen Wunderwaffe. Viele Länder haben den Konsum legalisiert, in den USA, wo es in sechs Bundesstaaten eine rege, legale Hanf-Industrie gibt, handelt man Cannabis-Aktien an der Börse. Österreichs Legalize-Bewegung vernetzte sich 2007 in der Stadt Salzburg, Tenor: Cannabis sei auf eine Stufe wie Alkohol und Nikotin zu stellen, die Freigabe eine Frage von Bürgerrechten. Auch im Landtagswahlkampf stand das Thema plötzlich im Mittelpunkt, als Politiker der Neos und der Grünen vor Schülern ihren Konsum schilderten und für die kontrollierte Abgabe etwa in Apotheken plädierten.  Bei den Jugendlichen erntete das große Zustimmung. Das SF fragte nach – und bekam bemerkenswerte Antworten.

„Man wird entspannt und sehr chillig“

Ihr Gymnasium sei „als Kifferschule bekannt“, meint eine 17-Jährige, die eine große AHS in   der Stadt besucht. „In der sechsten, siebten und achten  Klasse machen das viele. Ein Mädchen in meiner Klasse hat immer was in der Schultasche dabei. Die raucht relativ viel. Einmal haben sie in der großen Pause was geraucht, sie sind da weiter weg gegangen.“ Auch auf Parties kreise häufig ein Joint.  Ein Sohn aus wohlhabendem und bekanntem Elternhaus habe zuletzt  „wahnsinnig viel dabei gehabt. Da ziehen dann alle daran.“ Sie selbst habe es einmal probiert. „Mir taugt es nicht. Ich dachte, man muss dann viel lachen und wird lustig. So war es aber nicht.“ Das in Salzburg erhältliche Cannabis mache „nur müde und entspannt. Man wird dann sehr chillig“, beschreibt die 17-Jährige die  gesuchte Wirkung.

Ein Joint: „Auf Parties ziehen dann alle daran.“ BILD:Nicolas Dumoulin – Stock.Adobe.com

 

Manche Eltern wissen es

Landesschulsprecher Maximilian Aichinger beschreibt die Motivlage der Jugendlichen: „Man fragt sich: Warum ist das  in Österreich nicht legalisiert? Man glaubt, es ist nicht so schädlich wie Alkohol. Die Leute sagen auch: Man hat am nächsten Tag keinen Kater wie  bei Alkohol.“  Er selbst sieht die Dinge kritisch.
Was aber bekommen die Lehrer mit, was sagen sie?  An einer berufsbildenden, höheren Schule erzählt man von einem Schüler, der während des Unterrichts die Klasse verlasse, um Gras zu rauchen. An der HTL Itzling werden Schüler vereinzelt erwischt, schildert Direktor Andreas Magauer. Das darauf folgende Prozedere nach dem Suchtmittelgesetz baut   bei Minderjährigen  auf  Helfen statt Strafen: Beim ersten Mal keine Anzeige bei der Polizei,  keine disziplinäre Maßnahme. Stattdessen wird ein Drogentest angeordnet und ein zweiter nach einer Frist. Der Schularzt oder die  Drogenberatung werden eingeschaltet, die Eltern   zitiert.  „Die fallen aus allen Wolken, oder sie wissen es“, sagt Magauer.

Sehr viel Fehlinformationen und Mythen

30 bis 40 Prozent der Erwachsenen  geben an, schon einmal Cannabis geraucht zu haben.  Ob heute mehr gekifft werde, will Nicole Rögl-Höllbacher, Leiterin der Fachstelle Suchtprävention beim Verein Akzente, nicht beurteilen, aber: „Was man früher sagte – im Gymnasium wird gekifft, in der NMS getrunken –, das stimmt definitiv nicht mehr.“
Der Verein betreibt Aufklärung an Schulen und findet „sehr viel Halbwissen, Fehlinformationen und Mythen“ vor, so die Expertin. „Manche bagatellisieren den Konsum wirklich, die sagen, es ist völlig harmlos. Wir  erklären dann: Jede psychoaktive Substanz birgt Risiken, das ist  ernst zu nehmen.“ Jugendliche kifften in erster Linie, um die Stimmung zu verbessern. „Oft ist es ein diffuses Unwohlsein, irgendwas stresst mich. In Gruppen ist es ein Freizeitverhalten im Grunde wie beim Alkoholkonsum. Man kifft mit Freunden, auf einer Party, im Urlaub, zu speziellen Anlässen“, so die Pädagogin. Eltern und Lehrer müssten achtsam  hinschauen und hellhörig werden, wenn Cannabis gegen Leistungsdruck, Versagensängste oder das emotionale Auf-und-Ab eingesetzt werde. Es gebe Checklisten für Lehrer.

Cannabis ist heute viel stärker

Suchtprimar Kurosch Yazdi sagte auf Puls4 dasselbe wie die Polizei: Seine Patienten werden immer jünger   und immer mehr Menschen haben ein Problem mit Cannabis. Der Stand der Forschung: Cannabis kann, muss aber nicht süchtig machen (9 Prozent werden abhängig, bei unter 18-Jährigen sind es 21 Prozent).  Cannabis kann bei genetischer Veranlagung Psychosen auslösen. Die eigentliche Gesundheitsgefährdung für junge Menschen besteht in der Gehirnentwicklung. „Das Gehirn ist erst mit 25 anatomisch fertig, das neuronale Netzwerk wird ständig umgebaut. Intensiver Haschischkonsum stört diese Entwicklung. Das Gehirn wird  weniger leistungsfähig.“  Das typische, dumpf-verlangsamte Kifferhirn könnte heute zudem schneller entstehen, da wesentlich stärkeres und auch verunreinigtes Cannabis verkauft wird. Der berauschende THC-Gehalt (Tetrahydrocannabinol, einer von 113 Wirkstoffen) lag in den 1960er-Jahren laut Yazdi bei 1 bis 2 Prozent, heute sind es 15 Prozent. Es werde giftiges Blei zur Gewichtserhöhung zugefügt, das Gras mit chemischen Substanzen besprüht, weiß Expertin Rögl-Höllbacher: „Die Jungen können unmöglich wissen, was sie vom Dealer oder im Internet kaufen.“

Hauptsuchtmittel Alkohol

Ein spezielles Problem sind Flashbacks, nachträgliche „Echoräusche“ lange nach dem Konsum (Cannabis bleibt länger im Körper als Alkohol). Bei Unfällen ist die Beeinträchtigung im Blut oft nicht mehr nachweisbar.
Die  ÖVP-Landtagsabgeordnete Martina Jöbstl kennt einen jungen Mann, „der ist hängengeblieben. Der ist 31, der hat mit Cannabis angefangen, dann sind Magic Mushrooms dazugekommen, dann hat er eine Psychose bekommen. Jetzt ist er berufsunfähig.“ Freilich: Die Hauptgenussdroge an Jöbstls früherer Schule in Saalfelden war nicht Haschisch, sondern – Alkohol.

Sonja Wenger