Du weißt gar nicht, was müde ist!

Meinen Zustand kann man so beschreiben: Ich schlafe oder ich würde gern schlafen. Eins von beidem ist der Fall, dazwischen gibt es nichts.

Das ist so, seit ich Kinder habe. Ich hab nämlich zwei jener Exemplare ausgefasst, die nie geschlafen haben, tagsüber kaum und nachts schon gar nicht. Beide brauchten als Babys nur 15-minütige Powernaps, zwei- oder dreimal am Tag. Ich hätte 15-stündige Powernaps gebraucht oder wenigstens Kinder, die mittags drei Stunden bewegungslos pennen.

In der Theorie weiß man ja, dass man nachts aufstehen muss mit Baby, dass man stillen oder Flaschi machen muss, Bauch massieren, wickeln, herumtragen, aber man hat keine Ahnung, was der Schlafentzug mit einem macht. Dass man sich fühlt, als habe einen ein Lkw überfahren, wie man Fähigkeiten verliert, eine nach der anderen, einem Gespräch zu folgen, ein Auto zu lenken, geduldig zu bleiben. Wie laut eine Stimme im Kopf schreit, wenn kinderlose Menschen sagen, dass sie müde sind: „DU WEISST GAR NICHT, WAS MÜDE IST!“ Das ahnt man nicht, und das ist gut so, es würden sonst viel weniger Kinder geboren.

Karikatur: Thomas Selinger www.seli.at

Statt „gute Nacht“ haben mein Mann und ich jahrelang „viel Glück“ gesagt. Letztens hab ich einen Artikel gelesen, dass immer mehr Eltern ihren Babys Schlafmittel verabreichen. Und obwohl ich selbst viereinhalb Jahre lang keine einzige Nacht geschlafen habe, hat mich das doch schockiert. Zu Schlafmitteln hab ich nicht gegriffen, ansonsten waren wir aber wohl überall: beim Osteopathen und bei der cranio-sakralen Therapie, bei der Akupunktur und beim Kinderarzt, wir hatten einen Wünschelrutengeher im Haus und Spezialbezüge auf den Matratzen, wir haben Hunderte Euro ausgegeben bis zu dem Moment, als ein Arzt im LKH zu mir sagte: „Ja. Die Kinder schlafen definitiv zu wenig.“ Das wär mir gar nicht aufgefallen!

Und ich hab erkannt: Niemand kann etwas tun, niemand weiß, woran es liegt, dass sie alle zwanzig Minuten aufwachen und schreien, abwechselnd natürlich, dass sie nicht mal drei Stunden am Stück schlafen, nie. Der Körper ist ein Wunderding, er gewöhnt sich an alles, ich habe trotzdem funktioniert. Wem von Ihnen es also momentan so geht: Halten Sie durch, es bleibt nicht so, ich verspreche es! Sehr viel besser wird es aber auch nicht. Noch heute liegen ein bis zwei Kinder bei mir im Bett, das eine tritt mich, das andere schnarcht mir ins Ohr, und wenn ich sage: „Wo soll ich denn hin?“, antwortet eins: „Geh halt auf die Couch, Mama.“ Was ich auch mache, mir ist alles egal, Hauptsache schlafen.

Mareike Fallwickl  arbeitet als freie Texterin und Lektorin