Stolpersteine

Es gibt ja so Momente, da kommt man mit Kind ganz schön ins Schwitzen. Und ich mein jetzt nicht die Momente, in denen man Badetaschen, Schwimmbretter und Jausenrucksäcke zum Fuschlsee schleppt. Sondern die, in denen man mehr so innerlich schwitzt.

Ich war letztens mit meinem mittlerweile siebenjährigen Sohn im Afro Café frühstücken und danach in der Stadt auf dem Weg zur Buchhandlung, als wir an einem Stolperstein vorbeigekommen sind. „Was ist das, Mama?“, hat er mich gefragt, und jetzt ist es so, dass ich meinen Kindern immer die Wahrheit sage. Ich halte nichts davon, sie anzulügen oder irgendwas ihnen gegenüber zu beschönigen.

Karikatur: Thomas Selinger
www.seli.at

Das darf natürlich jeder machen, wie er möchte, viele Eltern lesen ja keine Märchen mehr vor oder lassen die Stellen weg, an denen Kinder sich fürchten könnten, sie sagen, wenn der Nachwuchs schwierige Fragen stellt: „Dafür bist du noch zu klein“ oder: „Das ist halt so.“ Ich verurteile niemandes Erziehung, mein Weg ist vielleicht auch nicht der richtige. Das werden wir erst wissen, wenn die Kleinen groß sind und uns Vorwürfe um die Ohren hauen.

Meinen Kindern traue ich viel zu – und mir auch: dass ich alles erklären oder es zumindest versuchen kann. Damit stoße ich oft genug an meine Grenzen, ich weiß ja auch nicht alles. Oder es ist wirklich schlimm, so schlimm, dass ich kaum kindgerechte Worte dafür finde. Wie die Judenverfolgung, der Holocaust und der Zweite Weltkrieg. Aber mein Sohn hat mich gefragt, also hab ich geantwortet.

Ich hab ihm erklärt, dass diese Stolpersteine an Menschen erinnern, die abgeholt und getötet wurden, dass sie die Leute „ins Stolpern“ bringen sollen, im Kopf und im Herzen. Ich hab gesagt, dass in Österreich einmal Krieg war, dass Bomben gefallen sind auf Salzburg, und als wir schon in der Buchhandlung waren, hat er laut gefragt: „Aber was hatten die Leute denn gegen die Juden, warum haben sie die umgebracht?“ Da flogen uns einige irritierte Blicke zu, und, ja, meine Damen und Herren, da gerät auch das ach so entspannte Zuckergoscherl ins Schwitzen.

Macht aber nichts, denn es gibt Themen, die nicht tabuisiert werden sollten, über die nicht geschwiegen werden sollte – und wenn es noch so schwer ist, darüber zu reden. Wo sonst können wir beginnen, können wir weitermachen, wenn nicht bei unseren Kindern? Ich habe alle seine Fragen beantwortet. „Das ist aber schon traurig, Mama“, hat er am Ende gesagt, „dass von diesem Mensch jetzt nur noch ein Stein geblieben ist.“ Und da dachte ich, er hat es verstanden.

Mareike Fallwickl  arbeitet als freie Texterin und Lektorin
E-Mail: interaktiv@svh.at