Wie wir wieder runterkommen

 Seinem Ärger sollte man sich stellen. Das Wahrnehmen hilft, die Kontrolle wiederzubekommen.

Gerät der Mensch unter Druck oder in Bedrängnis, wird er – je nach Typ – explosiv reagieren.  Die Salzburger Psychologin und Psychotherapeutin Christa Paluselli-Mortier erklärt: Sobald die anderen bestimmen, fühlt man Ärger und Ohnmacht. Klassisches Beispiel ist der Stau. Paluselli-Mortier: „Über die anderen Autos kann ich nicht drüberfahren. Dazu kommt, dass ich mich bei Stillstand   mit mir selbst beschäftige.“ In dem aufgewühlten Zustand arbeitet das Gehirn  asynchron. Es zieht an jedem Faden einen anderen Gedanken hoch. Dann schießt es einem durch den Kopf, dass man mit dem Kind nicht kann, die Nachbarin lärmt und der Chef nervt. Wie bei einem Druckkochtopf muss der Druck entweichen. Das Autoinnere ist in unserer Gesellschaft eines der letzten Ventile dafür. Paluselli-Mortier rät daher schmunzelnd: „Schimpfen und fluchen Sie im Schutze des Autos.“

Atmen. Kontrolle erlangen

Wer seinem Ärger Luft macht, verschafft sich  selbst wieder Luft. Die Luft fehlt uns  oft. Wenn uns einer blöd kommt, erstarren wir häufig – und halten  unbewusst  Ärger, Schrecken oder Verletztheit in uns fest.  Um aus einer aggressiven Situation  rauszukommen ist es wichtig, dass man die Kontrolle wiedererlangt. Tiefes Ein- und Ausatmen ermöglicht es einem, wieder zu sich zu kommen.
Auch ein Schritt zurück trägt dazu bei,  Abstand vom Geschehen zu bekommen und den schreienden Mann, die drängelnde Frau ein Stück weit einordnen zu können. Ist man eher der Typ „Angegriffener“, sollte man die hochgezogenen Schultern runterlassen und in eine entspannte, gute Haltung gehen. Paluselli-Mortier: „Wenn Sie sitzen, lassen Sie Ihr Gewicht in den Stuhl fallen, nehmen Sie sich Raum.“ Gibt es in der Schlange oder an der Kasse Ärger, stellt man sich am besten mit lockeren Schultern und leicht gebeugten Knien  hin – und spricht an, was nervt.  In der entspannten Haltung gibt man seinem Körper wieder die Luft und Lockerheit, die er zum Runterkommen braucht.

Psychologin Christa Paluselli-Mortier rät: „Ärger wahrnehmen und aussprechen. Sonst steckt er fest“

Neben Atmen und der richtigen Haltung ist es essenziell, wahrzunehmen, welche Gefühle man spürt, wenn es kracht. „Den Gefühlen können wir uns nicht entziehen“, sagt die Psychologin.   Schaffe man es, Ärger, Hilflosigkeit, Schrecken in sich wahrzunehmen und zuzulassen, gingen diese Gefühle auch wieder weg, so Paluselli-Mortier. Immer gut ist ein Gespräch. Der Stresspegel sinkt nachweislich, wenn man über Ärgergefühle spricht – auch ein Tagebuch gilt.

Gehen. Auch zu zweit

Wer seinen Geist nicht mit Yoga  beruhigt, kann dies auch durch einfaches Gehen tun. Fünf bis zehn Minuten reichen. Das Gehen hilft dem Gehirn, wieder synchron zu arbeiten.  Paare besprechen Konflikte viel leichter beim Gehen. Immerhin  schaut und geht man schon einmal in dieselbe Richtung.

Was tun, wenn es „kracht“:

Im Kreisverkehr nimmt mir ein Autofahrer von außen den Vorrang, zwingt mich zum Bremsen. Grrr! Christa Paluselli-Mortier rät: Den Ärger  rausschimpfen, das hört im  Auto ja keiner.  Gerade zurückhaltende Menschen sollen sich mit den eigenen aggressiven Anteilen befreunden und ihnen Luft machen. Im Stau: Atmen.

An der Supermarktkassa legt eine hektische Frau hinter mir ihre Einkäufe  aufs Förderband, sodass meine nicht mehr draufpassen und drängt mich auch noch. Ahrrr! Tipp der Psychologin: Sich zu der Person umdrehen, gut und locker stehen und sich seinen Intimkreis zurückholen. Ihr in die Augen schauen und gut hörbar sagen: „Darf ich Sie bitten, dass Sie Abstand halten.“

Von Sabine Tschalyj