Beim AMS Mobiliar zertrümmert

Was die Salzburger im Alltag aggressiv und wütend macht: Arbeitslosigkeit, Schulnoten, Platznot, Warten müssen. Öffentliche Ämter und Einrichtungen rüsten sich mit Security-Personal, Nottasten und Taschenalarm gegen ausrastende Zeitgenossen.

Beim Arbeitsmarktservice Salzburg ist seit geraumer Zeit während der Öffnungszeiten auch ein Security-Mann anwesend. Denn durchschnittlich rastet an jedem zweiten Amtstag ein Jobsuchender aus. Ein  internes Protokoll listet 119 Vorfälle im Vorjahr auf.

Mitarbeiter werden beschimpft, beleidigt, herumgestoßen

Meist sind es „schwere verbale und nonverbale Übergriffe: Beschimpfungen, Beleidigungen, Erniedrigungen, Anschreien, beleidigende Gesten mit Gesprächsabbruch“. Aber auch tätliche Angriffe oder Sachbeschädigungen werden angedroht und (selten) auch ausgeübt:  Durch „Stoßen, Schlagen, Schütteln, Treten ohne länger spürbare Beeinträchtigung“ des Mitarbeiters, die dann meist Frauen sind. Fünf Mal musste die Polizei kommen, wurde Strafanzeige erstattet, ein  Hausverbot verhängt. Ältere Fälle sind gerichtsanhängig.

Mit Pistole auf Jobsuche

Einige Mitarbeiter hätten bereits eine Sicherheitsschleuse wie am Gericht gefordert, weiß ein Insider. Weil es einfach krass zugehe. „Einer hat sogar einmal mit einer Pistole im kleinen Vorgarten herumgefuchtelt. Ein anderer Dauerkunde, ein Mann aus Hof, hat regelmäßig Mobiliar zerstört.“ Salzburgs künftige AMS-Chefin, Jacqueline Beyer, will ihre Pläne erst  im Juli bekanntgeben.

Wenn Menschen durchdrehen, hat das mit  Überforderung und Prägung zu tun. Und es weht der scharfe Zeitgeist eines zunehmend totalen Anspruchsdenkens und entgrenzten Egoismusgefühls. In diesem Klima fliegen dann selbst unter Nackten die Fetzen.

Eklat in der Sauna

Eine Therme nahe der Landeshauptstadt hatte kürzlich Aktionstag mit verbilligten Eintrittspreisen, was einen Run auslöste. In der übervollen Sauna kam es zum Eklat. Eine Frau reklamierte  einen – schon besetzten – Platz für sich und wurde nach hitzigen Worten sogar handgreiflich.
Selbst einstige Respektspersonen müssen heute viel einstecken, sagt  Polizeigewerkschafter Walter Deisenberger. „Das Einschreiten ist schwieriger geworden. Personen eskalieren schnell, es ist  ein allgemeines aggressives Verhalten.“ Was früher als milieubedingte Unmutsäußerung galt –„Oida, schleich di“ –, ist  heute der Slang der Jungen. Laut einer Statistik wurden im Vorjahr 69 Polizisten tätlich angegriffen und verletzt (55 waren es 2014). Oft seien  die Angreifer alkoholisiert oder befänden sich im blindwütigen Raufhandel, schildert Polizeisprecher Michael Rausch.

Sofort eine Wohnung bekommen

In den publikumsintensiven, schwierigen Ämtern der Stadt hat man längst aufgerüstet. So gibt es im Wohnungs- und Sozialamt Sicherheitsknöpfe unter dem Schreibtisch. Über eine Kurzwahl am Telefon kann sofort ein Security-Mitarbeiter aktiviert werden, viele Referentinnen hätten einen Taschenalarm eingesteckt, erläutert Wohnungsamtschefin Dagmar Steiner. „Zu uns kommen Leute mit einem essenziellen Bedürfnis. Manche glauben, sie müssen sofort eine Wohnung bekommen.“ Erst im Jänner wurde ein Betretungsverbot verhängt, weil der Klient „einen Mitarbeiter herumstieß, einen Blumentopf herunterschmiss“ (Steiner). Vor Jahren versuchte sich ein Iraker sogar selbst anzuzünden (es passierte ihm nichts, Dagmar Steiner entriss ihm das Benzin). Danach wurden die Beamtinnen zum Selbstverteidigungskurs bei der Polizei geschickt.

Mutter ohrfeigt Lehrerin

Der zivilisierte Modus, der vom jungen Frontalhirn aus gesteuert wird, setzt aber auch in harmlosen Alltagssituationen aus: In der Schlange an der Kasse, wenn dir die Hinterfrau den Wagen ans Gesäß fährt. Im Stau, wo ein paar besonders Tolle mit Sicherheit die Busspur nutzen. Im überfüllten Skishop beim Lift, wo Einheimische,  Deutsche und Holländer durcheinanderbrüllen. In der Spitalsambulanz, wo die langen Wartezeiten Patienten erzürnen.
Ein neueres – auch in anderen Städten geschildertes – Ärgernis ist, dass Radfahrer hemmungslos auf Gehsteigen dahinfahren. Und sich mit Fußgängern, die sich wehren, sofort anlegen. So geschehen in Itzling zwischen einem Hausbesitzer, der eine Radlerin vor seiner Hauskante „herunterholte“. Worauf die Kleinunternehmerin bei der Polizei Körperverletzung anzeigte.

Die gute Kinderstube: passé?

Auch in Schulen sucht man die gute alte Kinderstube oft vergebens. An der Handelsschule ohrfeigte eine Mutter eine Lehrerin, die ihre Tochter angeblich beleidigt hatte. Ein türkischer Vater brockte einem Lehrer ein Disziplinarverfahren ein. Er habe die schulische Vorwarnung wegen der drohenden 5er-Benotung des Sohns nicht akzeptiert, so Anwalt Michael Wagner. Der Streit endete mit derben Sprüchen und einer Geldstrafe für den Pädagogen. Die Dinge würden heutzutage völlig sinnlos auf die Spitze getrieben, urteilt Anwalt  Wagner.

Sonja Wenger