Ein schwerer Fall von Mamaritis

Die meisten Kinder sind ja eigentlich kerngesund, leiden aber trotzdem an etwas sehr Sonderbarem: Mamaritis.

Das ist eine eigenartige Krankheit, die nur Kinder – und teilweise auch erwachsene Männer – befällt und keine körperlichen Auswirkungen hat. Zumindest nicht auf die Kinder. Die am häufigsten auftretenden Symptome sind übermäßige Unselbstständigkeit sowie übermäßige Artikulation des Ausrufs „Mama“, in den der Medizin bekannten Variationen „Maaama“, „Mamaaa?“ und „Mama, Mama, Mama!“ Kinder, die an Mamaritis leiden, nehmen beispielsweise ihre Väter kaum noch wahr.

Es ist möglich, dass der Vater in der Küche vor dem Kühlschrank steht, die Kinder die Küche verlassen und in der ganzen Wohnung nach der Mutter suchen, um ihr zu sagen: „Mama, wir haben Hunger!“ Oder dass er beim Anziehen neben ihnen sitzt und sie, weil sie nicht in die Strumpfhose kommen, nach der Mama schreien. Ist alles schon vorgekommen.

Eine andere Ausprägung dieser speziellen Wahrnehmungsstörung tritt ein, sobald die Mutter auf die Toilette geht. Das kann ein Mamaritis-Kind nicht zulassen. Im selben Moment, in dem es die Klotür sich schließen hört, fällt ihm etwas ein. Etwas Überlebensnotwendiges. Etwas, das die Mama wahlweise machen, sehen oder hören muss, und zwar JETZT SOFORT! Deswegen kommt das Kind aufs Klo mit. Oder klopft, wenn die Tür schon zu ist, rhythmisch und ausdauernd dagegen. Oder öffnet, wenn es das kann, die Sperre von außen.

So eine Mama soll ja bloß nicht glauben, sie hätte irgendwo ihre Ruhe. Das schreien die Kinder auch gern in einem gewissen Alter durch die Gegend: „Nicht der Papa! Die Mama!“ Also kommt die Mama und macht das, was gemacht werden soll, auch noch – wie schon alles andere.

Ist eh schön, dass die Kinder der Überzeugung sind, die Mama sei ein Supermensch, der als einziger auf der Welt Schuhe binden, Nasen putzen, Gute-Nacht-Geschichten vorlesen und Snacks herrichten kann. Wenn ich ein Papa wär, ich würd das auch ausnutzen und mich gemütlich auf die Couch setzen, eh klar, blöd werd ich sein.

Bei sämtlichen Mamas dieser Welt führt die akute Mamaritis, unter der ihre Kinder leiden, halt irgendwann zu völliger Erschöpfung. Und mildem Frust, der in den oft geäußerten Satz gipfelt: „Ich hab doch auch nur zwei Hände!“ Ich weiß nicht, ob Mamaritis heilbar ist, glaube aber, dass sie sich in der Pubertät verwächst. Da ist dann nämlich die Mama der vermutlich letzte Mensch, der gefragt ist oder sich nähern darf. Außer natürlich, wenn die Kinder (und der Papa) Hunger haben.
Mareike Fallwickl  arbeitet als freie Texterin und Lektorin

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