„Überleben war seine Aufgabe“

Fritz Egger spielt den „Herrn Karl“. Warum der Theatermonolog von Carl Merz und Helmut Qualtinger aktueller denn je ist.

„Der Herr Karl“ wurde 1961 erstmals im Fernsehen gezeigt, da war die NS-Zeit noch nicht aufgearbeitet, viele fühlten sich von der Figur des opportunistischen Wieners auf den Schlips getreten. Heuer wird dem Beginn der Republik Österreich gedacht. Da kommt der „Herr Karl“ wie gerufen. Fritz Egger schlüpft in die Rolle der Kultfigur und feiert gleichzeitig sein 30-jähriges Bühnenjubiläum.

KF: „I woa a Opfer, andere san reich wordn.“ Dieser Satz aus dem Herrn Karl erinnert an heute, wo viele wieder das Gefühl haben, auf der Strecke zu bleiben . . .
Fritz Egger: Das Stück ist ewig gültig. Weil sich die Menschen nicht ändern. Jeder versucht, sich dorthin zu wenden, wo er das Beste aus seinem Leben machen kann. Der Karl ist, wie man heute sagt, ein Wechselwähler. Zuerst war er bei den Sozi, dann ist er für die Hahnenschwanzler demonstrieren gegangen, weil er fünf Schilling gekriegt hat, dann zu den Nazis, weil er dort auch fünf Schilling gekriegt hat.

Und dann kommt der wunderbare Satz: „Naja, Österreich war immer unpolitisch.“ Heute ist das stärker denn je. Parteiprogramme sind austauschbar, die SPÖ, die jetzt in die Opposition gehen muss, wird ungleich populistischer als in der Regierung. Man muss schauen, dass man die Herr Karls unserer Zeit als Wähler wieder kriegt.

KF: Das Stück ist politisch, ist fast schon Kabarett …
Der Unterschied ist: Beim Kabarett versuchst du bei Pointen von allen einen Lacher zu bekommen. Dieses Stück hat Pointen, die du am liebsten so spielen möchtest, dass dem Publikum das Lachen im Hals stecken bleibt. Es passiert, dass da einer zum Nachbarn schaut: Darf ich da lachen oder nicht?

KF: In einer Zeit der politischen Korrektheit, hat die Unverblümtheit des Herrn Karl auch was, so arg sie ist.
Absolut. Interessant wäre, ob die Posts von Herrn Karl auf Facebook gelöscht würden (lacht).

KF: Glauben Sie, dass er auf Facebook posten würde?
Nein. Er sagt: Lesen tue ich auch nichts. Damit muss man früher anfangen. Oder über Kunst sagt er: Ich habe mein ganzes Leben lang nicht Zeit gehabt für so was. Ich habe Aufgaben zu erfüllen gehabt. Was waren seinen Aufgaben, Entschuldigung?! (lacht). Überleben, das war seine Aufgabe. Er war immer ein linker Finger.

KF: Ist Ihnen der Herr Karl total unsympathisch als Figur?
Nein, er ist auch charmant. Die Zeit nach dem ersten Weltkrieg muss furchtbar gewesen sein. Es gab nichts zu essen, nichts zu heizen. Dass da populistische Strömungen leichtes Spiel hatten, ist klar. Ich wünsche mir, ich wäre in der Nazizeit in den Widerstand gegangen, aber ich werde nie sagen, ich wäre sicher nicht zur SS gegangen. Heute ist es leicht, zu urteilen.

Mein Großvater war schwerer Nazi und ich habe ihn trotzdem als liebenden Großvater kennengelernt. Ich habe ihn einmal gefragt: Opa, waren die Juden wirklich so arg. Ich wollte ihn so zum Reden bringen. Und er sagte: Natürlich, die haben dem deutschen Bauern die letzte Kuh weggenommen. Der Geldverleih hat den Juden den schlechten Ruf gebracht. Aber die Leute haben nicht verstanden: Die Juden durften über Jahrhunderte kein Handwerk ausüben. So sind sie notgedrungen ins Geldgeschäft gegangen. Man muss wie beim Schach nicht nur einen Zug denken, sondern zwei, drei Züge zurück. Warum passiert so was?

KF: Der Herr Karl ist bar jeden Selbstzweifels, scheint es …
Ja, er steht zu dem, was er gemacht hat. Er hat auch nie nachgedacht, warum ist etwas, wie es ist. Er hat halt geschaut, dass er seine fünf Schilling bekommt.

KF: Sagt der Herr Karl heute Jugendlichen noch etwas?
Das Stück ist eine Produktion der Neuen Bühne Villach. Dort kam es im Vorjahr raus. Da gab es auch Schulvorstellungen. Ich dachte mir, die Kids würden nur aufs Handy schauen. Das Gegenteil war der Fall. Sie kamen sogar nach der Vorstellung und stellten Fragen. „Herr Karl“ ist gelebter Geschichtsunterricht.

Nächste Vorstellungen:

23. & 24. Februar, jew. 20 Uhr, 8. März, 20 Uhr, 18. März, 19 Uhr, Kleines Theater

11. März, 20 Uhr, Schloss Goldegg

Foto: Patrick Connor Klopf 

Von Petra Suchanek

 

Dieses Interview ist im Monatsmagazin „Kulturfenster“ für Februar erschienen (es liegt zur freien Entnahme z.B. in Salzburgs Kulturstätten auf, als E-Paper auch über die SN-App zu lesen)

 

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