Der innere Mann

Es gibt ja viele Menschen, die haben ein inneres Kind. Das innere Kind verhindert, dass sie „richtig erwachsen“ werden, deshalb muss es austherapiert und oft in den Arm genommen werden. Was ich habe, ist ein innerer Mann.

Der muss überhaupt nicht in den Arm genommen werden, das will er gar nicht, „richtig erwachsen“ werden Männer sowieso nie, und einer Therapeutin würde er bloß in den Ausschnitt schauen. Mein innerer Mann ist sehr praktisch. Er sorgt für das selbstbewusste Auftreten, das ich für meine Jobs als freie Texterin brauche: Ich muss permanent überzeugend auftreten, Angebote erstellen und rechtfertigen, so tun, als sei ich die Beste und als könnte ich eh alles, und vor allem: als könnte das NUR ich. Man muss einfach zugeben, dass ein solch großkotzertes Gehabe Männern mehr liegt als Frauen. Als Frau tendiere ich eher dazu, mich unter Wert zu verkaufen. Nicht deutlich genug „Nein“ zu sagen. Projekte nicht abzulehnen, bei denen ich genau weiß, dass ich bloß ausgenutzt werde und mich hinterher ärgere. Der innere Mann haut mir dann auf die Finger, damit ich gewisse Mails nicht abschicke. Er garantiert auch, dass ich nicht durch die Blume spreche. Dieses mysteriöse „Passt schon“ mit leidendem Unterton, das Frauen gern von sich geben und bei dem alle raten müssen, was los ist, ist meinem inneren Mann fremd. Wenn mir was nicht passt, sag ich das – und zwar so, wie es ist. Das passt dann wiederum den anderen nicht, aber das ignoriert der innere Mann gekonnt. Er beherrscht nämlich auch die Kunst des selektiven Zuhörens: Was mich nicht interessiert, blende ich aus. Das funktioniert offline wie online, ich klinke mich aus Facebook-Diskussionen genauso aus wie aus echten Gesprächen. Ich habe, wie ein typischer Mann, keine Angst, was zu verpassen, sondern kreiere meine eigene Blase, in der ich fröhlich und unbehelligt vor mich hin lebe. Dank meinem inneren Mann hab ich einen derben Humor, und niemand kann mich so schnell mit einem anzüglichen Witz aus dem Gleichgewicht bringen. Im Gegenteil: Ich schubse dann zurück. Ich bin geübt darin, verbale Schläge auszuteilen. Ich muss nicht, wie es Frauen beigebracht wird, brav das Goscherl halten.

Was ich mit dieser ironischen Geschichte sagen will: Manche männlichen Eigenschaften würden uns Frauen definitiv nicht schaden. Wir dürfen selbstbewusster, egoistischer, mutiger und direkter sein. Legen auch Sie sich einen inneren Mann zu! Er ist kostengünstig, pflegeleicht und im besten Fall hilfreicher als eine Therapie.
Mareike Fallwickl  arbeitet als freie Texterin und Lektorin