Vom Heidenlärm der einfachen Leute

Wenn es draußen knallt und raucht und stinkt, dann ist Silvester. Lange wollte man dem Volk die Lust am Feiern austreiben.

Am 31. Dezember  wird rund um den Globus mit viel Pomp und Pyrotechnik der Jahreswechsel gefeiert. Vor den Wohnungen kracht und raucht und stinkt es, um Mitternacht schallt der Donauwalzer aus  Türen und Fenstern,  Nachbarn küssen einander und prosten sich zu,  Hund und Katz   verlieren halb den Verstand, es ist  –  the same procedure as every year.

Die Ausgelassenheit und Freiheit, mit der wir Silvester feiern, war lange keine Selbstverständlichkeit. Über Jahrhunderte hinweg bemühte sich    der christliche Klerus,   dem Volk die Lust  am Feiern auszutreiben. Von den Kanzeln wurde das Treiben als „heidnischer Dienst an Götzen“ gegeißelt, gar als „Verbrechen“ bezeichnet, weiß die Salzburger Volkskundeforscherin Helga Mari*.  Die Rechtfertigung, dass man ja nur seine Freude ausdrücken wolle, wurde nicht geduldet.

Bis zum heutigen Tag werden Lärmbräuche als Abwehrzauber gegen böse Geister interpretiert – vom Geißelschnalzen über das Böllerschießen bis zum   Glockenläuten. Doch da sei Vorsicht geboten. Die Nationalsozialisten hätten die Volkskunde vereinnahmt und alles, was   an Bräuchen lustig oder katholisch war, durch  Heidnisches ersetzt, weiß Brauchtumsexperte und Journalist Reinhard Kriechbaum.  Als zeitgemäßere  Deutung hat  er parat: „Schießen und Lärmen macht einfach Spaß. Das sieht man  bei Hochzeitskonvois, die hupend das Brautpaar begleiten.“

Sternschießen in SalzburgIn Salzburg gibt es einen ganz besonderen Lärmbrauch: das Sternschießen am Altjahrstag. Kriechbaum: „Dieses organisierte Schießen  gibt es in der Form nur bei uns.“  Es entstand 1967, rund 50 Schützenkompanien sind daran beteiligt. Sie stellen sich in konzentrischen Kreisen um die Stadt Salzburg auf, mit Golling als südlichstem Punkt, wo um 15 Uhr  die ersten Salven abgefeuert werden.  Das Schießen setzt sich  fort  bis zu den Stadtbergen.  Neben  Gewehren der Wehrschützen sind auch  Prangerstutzen im Einsatz. Mit den kunstvoll gestalteten Handböllern wird seit dem Barock  an Feiertagen  (Prangtagen) Salut geschossen.  Der letzte Kracher kommt von der  Salzburger Bürgergarde – von einer Kanone auf der Staatsbrücke.

In der NS-Zeit feierte die Parteischickeria rauschende Feste,  weiß Ulrike Kammerhofer-Aggermann, Leiterin des Instituts für Volkskunde,  während die Bevölkerung ab 1939 zunehmend unter  Nahrungsmittelknappheit litt. Auch zwischen Stadt und Land gab es große Unterschiede. „Silvester war in der städtischen Kultur verbreitet, das gehörte zur Unterhaltung des Bürgertums. Auf dem Land  hat sich das erst in den 1960er-Jahren durchgesetzt. Dort hat man  lange   geräuchert und gebetet“, so die Expertin.

In der letzten  Raunacht (Vorabend zum 6. Jänner) sind die Perchten unterwegs. Der Sozialbrauch entstand   im Mittelalter aus der Not heraus. Im Winter wurden die Tagelöhner nicht gebraucht,  es gab keine Feldarbeit. Sie mussten betteln. Um ihnen die Schmach zu nehmen, durften sie sich verkleiden. So zogen sie  von Haus zu Haus und baten um Gaben. Offiziell schauten die oft hexenartigen Wesen  – man denke an die Dientener Krapfenperchten  und die Rauriser Schnabelperchten  –, ob das Haus geputzt war, deshalb haben einige Besen dabei. Die Perchtenmänner  hatten  auch eine Sozialfunktion: Sie konnten  (dem Pfarrer) über Missstände auf Bauernhöfen berichten. Dort lebten auch behinderte  Menschen und Einleger (alte Dienstboten).  Dass Bräuche wieder  boomen, sieht   Kriechbaum „mit einem gewissen Stirnrunzeln“. Die wissenschaftliche Volkskunde habe sich Ende der Monarchie herausgebildet, in einem Klima übersteigerter nationaler Gefühle. Was  letztlich im Ersten Weltkrieg endete.  Doch  niemand  soll sich deshalb den Spaß am  31.  verdrießen lassen.

Buchtipp: Reinhard Kriechbaum „Borstenvieh und Donauwalzer. Geschichten und Bräuche rund um den Jahreswechsel“, Pustet Verlag, 2017

* „Im Winter und zur Weihnachtszeit. Bräuche im Salzburger Land. Zeitgeist –
Lebenskonzepte –  Rituale –  Trends –  Alternativen. Hrsg.: Luzia Luidold/Ulrike  Kammerhofer-Aggermann.