Von Moskau per Bus zum Christkindlmarkt

Zwei Millionen Bustouristen laufen jährlich durch die Stadt. Für viele ist eine Schmerzgrenze erreicht. Die Stadt führt nun wieder Vignetten ein.

Salzburgs Bustourismus ist gekennzeichnet von ungezügeltem Wildwuchs. Die tagesgenauen Zählungen der Tourismus Salzburg Gesellschaft, die auch dem „Fenster“ vorliegen, verdeutlichen, von welchen Größenordnungen wir bereits reden.

38.800 Busse pro Jahr

38.857 Reisebusse steuerten im Vorjahr die Landeshauptstadt an. In Spitzenzeiten im Dezember, Juli und August rollen 4000 Busse ein. Allein am Wochenende des 8. Dezember 2016 waren es 726 Busse. 1,9 Mill. Tagestouristen steigen aus den Bussen (ausgehend von durchschnittlich  50 Sitzen). Das ist eine Menge, als würden 400 Kreuzfahrtschiffe ihre Passagiere auf Landgang schicken.

„Entladen“ auf dem Gehsteig

Man kommt von immer weiter her. So wurden   Autobusse mit Moskowiter Kennzeichen oder  Gruppen  aus Großbritannien und Montenegro  gesichtet. Der größte Tross sind        tschechische Busse, die von Reisenden aus China und Korea gebucht werden; tausende Tagesgäste kommen auch aus Deutschland, Österreich und den Nachbarländern.
„Entladen“ werden die Touristen kurzerhand am Gehsteig der Paris Lodron  Straße, einer kleinen Busbucht ohne Toiletten, von der aus es bequem in die Altstadt geht. Der relativ neue Busterminal im Nonntal steht meist leer. Und da jegliche ordnende Hand fehlt, parken viele Fahrer die Busse wild vor Supermärkten und in den Gewerbegebieten.

Fehlplanung Busparkplatz Nord

Auf dem stets gähnend leeren Busparkplatz Nord wachsen im Sommer Blumen aus dem Asphalt. „Dort verlangt man 38 Euro, eine Frechheit“, meint ein Chauffeur aus Mondsee beim  Lokalaugenschein. Er fährt in der Wartezeit  auf eine Jause nach Eugendorf. Der Platz sei eine Missplanung, gesteht Verkehrsstadtrat Johann Padutsch. „Salzburg Nord ist eine Katastrophe, liegt mitten im Autobahn-Ohr. Die Chauffeure können ihn nur zu Fuß über die Rampe verlassen, es gibt keinen ÖV.“

Venedig kassiert 340 Euro

Padutsch und der amtsführende Bürgermeister Harald Preuner wollen nun wieder Vignetten einführen. Sie sollen im Vorfeld online gebucht werden, erklärt man im Büro des ÖVP-Vizes. „Ab März 2018 wird das über  ein EDV-Tool gehen. Bei der Buchung erhält jeder Bus ein Zeitfenster für die Einfahrt und Vorgaben, welchen Terminal und Busparkplatz er anfahren muss. Wenn die Paris Lodron Straße zu ist, müssen die Leute  im Nonntal aussteigen. Die Polizei wird das kontrollieren“, so Preuners Büroleiter.

Vignette um 24 Euro

Die Vignette um 24 Euro ist zugleich auch das Parkticket.  Das sind, verglichen mit anderen Tourismusmetropolen, Peanuts.  Venedig   verlangt für die Zufahrt in die Stadtmitte für     Dieselbusse  340 Euro;  für Parkplätze   auf dem Festland  kassiert man je nach Abgaswerten 90 bis 120 Euro. Der  Preis sei  ein wichtiges  Lenkungsinstrument, weiß  Tourismusexperte Vladimir Preveden: „Wenn es teurer wird, kommen weniger, umgekehrt kommen mehr.“ Ein Masterplan sei für eine Stadt wie Salzburg essenziell. In Prevedens Studie über 45 europäische Städte liegt Salzburg  in puncto  Massentourismus in den Top-5.

Busgäste, die einen Tag bleiben

Die Schmerzgrenzen seien erreicht, warnt der Hotelier und Obmann des Altstadtverbands, Andreas Gfrerer. „Wir müssen aufpassen, dass die Stimmung nicht kippt.“ Wolfgang Haider, Chef des Salzburger Christkindlmarkts, will differenzieren. „Es gibt den qualitativ hochwertigen Bustouristen, und es gibt Touristen, die vom Reiseleiter mit dem Regenschirm durch die Stadt gejagt werden.“ Viele heimische und bayerische Veranstalter brächten  Reisende für einen  ganzen Tag in die Stadt. „Die besuchen den Christkindlmarkt, gehen in Restaurants  und Shops.  Dieser Gast ist wichtig.“

10 Millionen weitere Asiaten

Auf dem  Weihnachtsmarkt am Mirabellplatz  ist man weniger euphorisch. „Wir haben nichts von den Bussen, die Leute rennen an uns vorbei“, sagt Obmann Ludwig Glier. An Josef Neureiters Glühweinstand stehen an diesem Vormittag Pensionisten aus Wien – sie kommen mit heillos überfüllten Zügen –, einige Asiatinnen und ein paar junge Männer „im Dienst“.   Tourismuschef Bert Brugger hält die Debatte für „medial aufgebauscht“, wie er in einem  internen E-Mail vom Juli formuliert. An der Paris Lodron Straße „kommen täglich 120 bis 150 Busse, schätzungsweise 60 Prozent Asiaten, die Abwicklung ist überhaupt kein Problem.“ Und: Bis 2025 besuchen weitere zehn Millionen Asiaten Europa.

Sonja Wenger

Mail: sonja.wenger@svh.at

1 Kommentar

  1. marina Antworten

    Padutsch statt Verkehrsplanung.
    Darunter leidet Salzburg schon viel zu lang.

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