Liebe Ami,

stell dir vor, ich hab ein Buch geschrieben, und ganz vorn, als Widmung, steht dein Name: Edith Havel.

Der Grund dafür ist, dass ich dir viel zu verdanken habe. Man könnte sogar sagen: Auch diese Kolumne gibt es nur wegen dir. Man hat ja meistens den Eltern viel zu verdanken, den Großeltern, den Geschwistern und Freunden, aber du und ich, wir waren nicht verwandt. Als ich dich kennenlernte, war ich noch sehr klein, und du warst schon über sechzig. Eine Künstlerin. Eine Persönlichkeit. Bunt, klug, kreativ, eigenwillig. Du bist jeden Sommer auf den Dürrnberg gekommen und hast vor der Alten Schmiede Tische und Bänke aufgestellt, unter der Dorflinde, und dort haben wir gemalt. Mit Pinseln, auf Holz, manchmal auch auf unsere Knie und unsere Finger.

Karikatur: Thomas Selinger
www.seli.at

Du hast uns Anleitung gegeben und uns unterstützt, aber eigentlich durften wir machen, was wir wollten. Wir konnten unserer Fantasie freien Lauf lassen, wir konnten kreativ sein, und erst heute, Ami, sehe ich, wie wertvoll das war. Und wie selten es für Kinder geworden ist. Als ich erste Theaterstücke und Drehbücher geschrieben habe, für meine Freunde und mich, war ich bloß elf, zwölf, aber du hast mich ernst genommen. Du hast mich bestärkt und mir eine Bühne gegeben. Wir haben geprobt, getanzt, auswendig gelernt und dann unsere Stücke mit dir im Kurhaus für die Gäste aufgeführt. Manche Leute haben das belächelt. Aber mir hat sich eine ganze Welt eröffnet.

Du warst eine gebildete, intelligente und starke Frau, hast vier Söhne großgezogen und bist trotz Gegenwind du selbst geblieben. Damals war mir das nicht bewusst, Kinder urteilen nicht auf diese Weise. Aber jetzt ist mir klar, wie einzigartig du warst. Später, mit dreizehn, vierzehn, durften wir dich nach dem Sommer in Wien besuchen, allein, mit dem Zug, wir durften auch die Malschule führen, als du krank warst. Du hast uns vertraut und uns Verantwortung gegeben. Die Erwachsenen haben sich nicht eingemischt, wir haben alles allein gemacht, jedes Problem gelöst, wir waren gewissenhaft und stolz.

Ich wünsche mir, dass jedes Kind so jemanden hat in seinem Leben wie dich. Jemanden, der seine Kreativität nicht belächelt, einschränkt oder lenkt. Jemanden, der es ernst nimmt, ihm eine Bühne gibt, seine Fantasie beflügelt, es frei sein lässt. Und die Ergebnisse dieser kreativen Prozesse nicht wertet. Als ich erwachsen war, haben wir uns Briefe geschrieben. Wenn ich angerufen habe, wusstest du manchmal nicht mehr, wer ich bin. Aber das macht nichts, Ami, denn ich vergesse dich nie.