Nicht einer schafft an

Salzburgs neuer ÖGB-Chef Peter Eder verteidigt die Sozialpartnerschaft. Peter Eder (48), gelernter Maschinenschlosser, Bürgermeister von Bürmoos, führt bald auch die AK.

Die künftige Regierung will die Sozialpartnerschaft reformieren. Ist das gut?
Peter Eder: Der Punkt ist: Wem nützt das, wenn man die Pflichtmitgliedschaft bei den Kammern abschafft? Ohne Pflichtmitgliedschaft gibt es keine Kollektivverträge. Wenn kritisiert wird, dass die Sozialpartner zu viel diskutieren, vergleich ich das mit einer Beziehung. Gott sei Dank gibt es die Zeit nicht mehr, wo einer anschafft und der andere tut alles. Reformieren wollen die Partnerschaft   jene, die uns als Gegner oder als lästiges Übel sehen.

Die Zwangsmitgliedschaft wird kritisiert. 
Es heißt Pflichtmitgliedschaft. Diese Solidarlösung ist notwendig, damit die Interessen aller Bevölkerungsgruppen vertreten werden können. Die Arbeitnehmer fühlen sich aber gar nicht zwangsverpflichtet, weil sie zur Arbeiterkammer gehören. Mehr als drei Viertel sagen, das ist für sie in Ordnung, auch der Beitrag. Österreich ist immer gut gefahren mit der Sozialpartnerschaft. Die Regierung hat Fragen der Lohnentwicklung, der sozialen Sicherheit, der wirtschaftlichen Entwicklung an die Experten der Sozialpartner übergeben. Die haben Kompromisse gefunden. Wir haben Konflikte nie auf der Straße ausgetragen. Außer bei der Pensionsreform der ersten schwarz-blauen Regierung. Wer das System zerstören will, riskiert den sozialen Frieden. Dann werden wir auf der Straße sein.

Der Fachkräftemangel stärkt die Arbeitnehmerseite doch gerade.
Die Arbeitnehmer sind momentan in einer sehr guten Position. Den Betriebsräten gelingt jetzt vieles, was sie vorher nicht durchsetzen konnten. Mittlerweile beschäftigen sich zahlreiche Firmen mit dem Wohlfühlfaktor, es gibt mehr Wertschätzung für die Mitarbeiter. Namhafte Industriebetriebe, bei denen das Einkommen stimmt, bauen jetzt völlige neue Sozialeinrichtungen, weil ihnen die Leute abhandenkommen. Leider ist das Umdenken noch nicht bei allen Arbeitgebern durchgedrungen.

Sie meinen die Hotellerie, mit der man sich befetzt?
Das stimmt so nicht. Es gibt Gespräche mit der Hotellerie. Die guten Hoteliers haben ja ordentliche Modelle, wo die Mitarbeiter  wissen, wann sie frei haben. Zu viele hängen das Problem aber nur an den Kosten und Gehältern auf. Ich denke, es muss ein Gesamtkonzept erarbeitet werden. Es braucht Aufstiegschancen. Beruf, Freizeit und Familie müssen vereinbar sein.

Und die Jungen wollen am Wochenende chillen.
Die Leute arbeiten ja am Samstag. Das sehen wir in der Metallindustrie, wo die Auftragsbücher jetzt so voll sind wie nie. Die Frage ist doch: Werde ich dazu gezwungen? Und was ist mit der Kinderbetreuung? Es ist nicht selbstverständlich, dass es eine öffentliche Betreuungsmöglichkeit gibt oder ein Partner dann frei hat, wenn der andere arbeitet. Ich habe viele berufstätige Alleinerzieherinnen in meiner Gemeinde, bei denen bricht die Krise aus, wenn das Kind in die Volksschule kommt. Die pendeln um 6:45 Uhr in die Stadt, aber die Schule sperrt erst um 7:30 Uhr auf und um 11:30 Uhr wieder zu. Hier ist die Politik gefragt. In Bürmoos habe ich jemanden über die Gemeinde angestellt, der das Schulgebäude aufsperrt und die Kinder beaufsichtigt. Wir bieten in Bürmoos täglich elf Stunden Betreuung an. In der Nachmittagsbetreuung haben wir eine Partnerschaft mit dem Dentalwerk Bürmoos, das diese Einrichtung finanziell unterstützt.

Nur die Beamtengewerkschaft verhindert stur, dass die Lehrer mehr an der Schule sind.
Ich bekenne mich zur verschränkten Form der Ganztagsschule. Es ist für berufstätige Eltern nicht möglich, ihren Kindern am Nachmittag bei den Hausaufgaben zu helfen.  Ich habe ja auch Direktorinnen in der Pflichtschule, die möchten, dass die Lehrer bis 16 Uhr an der Schule sind. Alle müssen mit der Zeit gehen. Es braucht Lösungen für Eltern, Schüler und Lehrer. Dazu gehört: Raus mit der Ideologie, rein mit der Vernunft. Ich hoffe, dass Kurz nun umsetzt, was er angekündigt hat. Im Bildungssystem kann nur etwas weitergehen, wenn die Klientelpolitik aufhört.

Von Sonja Wenger