ARGEkultur: Wir gegen die anderen

In unserer globalisierten Welt erstarkt das Wir-Gefühl. Doch der Zusammenhalt geht oft konform mit der Ausgrenzung anderer. Die ARGEkultur beleuchtet im Open-Mind-Festival das Individuum im Kollektiv. Ab 9. November.

Tauschkreise, Couchsurfing, Co-Working, Do-It-Yourself-Gruppen – die Finanzkrise von 2007 ließ die Menschen enger zusammenrücken. Nicht das ferne Unbekannte, das nahe Greifbare schafft Vertrauen. 2015 schlossen sich Freiwillige zusammen, um gemeinsam beim Flüchtlingsansturm zu helfen – auch hier leistete ein Kollektiv, die Zivilgesellschaft, Großartiges.

Doch der Zusammenschluss zum Bündnis hat auch seine Schattenseiten: Es formieren sich Gegengruppen. Man definiert sich über die Abgrenzung, oft auch über die Ausgrenzung von anderen. Rechtsruck, Spaltung der Gesellschaft sind Schlagwörter, die aktuell viel zitiert werden.

Die ARGEkultur Salzburg, die mit ihrem Open-Mind-Festival alljährlich brisante gesellschaftspolitische Themen verhandelt, widmet sich heuer den „Common People. Kollektive für Individuen“. Das Thema sei während der Flüchtlingskrise aufgepoppt, sagt Festivalleiterin Cornelia Anhaus, „dass es jetzt mit der Wahl, der Selbstauflösung der Grünen gerade so superaktuell ist, ist Zufall. Wir haben ja immer einen relativ langen Vorlauf.“

Im Zentrum des Festivals steht stets eine Theateruraufführung. Die Rabtaldirndln werden eine „Haltungsschau“ präsentieren, verrät Anhaus. Das Theaterkollektiv aus Graz setzt sich in seiner Arbeit viel mit dem Kontrast von Stadt- und Landleben auseinander. Ausgangspunkt für das Stück „Anreißen“, das Ed Hauswirth vom Theater am Bahnhof inszenieren wird, war die letzte Bundespräsidentenwahl.

Da wurde sichtbar, dass „es eine deutlichere Kluft zwischen einem Leben auf dem Land und dem Leben in der Stadt als zwischen Reich und Arm gibt“. Basis des Stücks bilden Rechercheinterviews mit Betroffenen. Dass das Stück nicht todernst sondern eher ein bisschen rabenschwarz gefärbt sein wird, darf man bei den Rabtaldirndln erwarten. Da heißt es in der Ankündigung ganz salopp: „Die einfachen Fragen sind oft die schwersten: Gehörst dazu? Bist’ was Besseres oder spinnst?“

Muslimisches Satire-Kalifat: Datteltäter im Anmarsch!

Der Humor spielt bei diesem Open-Mind-Festival eine zentrale Rolle. So beleuchtet das gemeinsam mit dem Friedensbüro organisierte Symposium „Kollektive Kränkungen“, zu dem unter anderem Psychologe Klaus Ottomeyer geladen ist, auch die Funktion der Satire in einer Gesellschaft. Inwiefern kann sie Brücken bauen oder auch einschlagen? Zum Auftakt diskutieren dazu Karikaturist Gerhard Haderer, Younes Al-Amayra von der muslimischen Kabarettgruppe „Datteltäter“, die auch ihr neues Programm zeigen werden, und die Philosophin Isolde Charim.

Die Berliner Kabarettgruppe „Datteltäter“ beleuchtet den Alltag von Muslimen frech und witzig. Foto: Bojan Novic

Apropos Datteltäter: Weil sie die Berliner Satiregruppe eingeladen hat, musste sich Anhaus schon Beschimpfungstiraden von Muslimen anhören, erzählt sie. Was hat es nun mit diesen Datteltätern auf sich? Bekannt wurde das Quintett 2015 mit YouTube-Videos, heute ist es mehrfach ausgezeichnet. Datteltäterin Farah Bouamar erklärt: „Unsere Zuschauer reisen mit uns in den Alltag von Muslimen und lernen so die kleinen und großen Tücken des Muslim-Seins in Deutschland kennen. Gleichzeitig halten wir der muslimischen Community den Spiegel vor.“ Ihr erklärtes Ziel sei es, Denkanstöße zu liefern.

Das schafft auch God’s Entertainment. „Sie polarisieren, sie provozieren und sie sind wohl Österreichs anarchistischste Theatertruppe“, sagte Ö1 über das Wiener Kollektiv. Dieses gestaltet am Platzl eine interaktive Performance: Im „Chauvinismus Scanner“ kann man seinen Nationalismusgrad testen. Mehr von God’s Entertainment bekommt man beim Open-Mind-Festival 2018 zu sehen, da übernehmen sie die Theaterproduktion.

Passend zum Motto wird auch über den Tellerrand geschaut, und zwar in Form einer syrischen Pop-Up-Küche, gibt es Stadtspaziergänge zu Burschenschaften, eine Montagsrunde der Jungk-Bibliothek mit Queer-Forscherin und „Polit-Tunte“ Patsy l’Amour laLove, Konzerte und Workshops – mehrmals heißt es: Eintritt frei.

Info zum Open Mind-Festival:

  • Von 9. bis 19. November in der ARGEkultur
  • Weitere Spielorte: Platzl, Toihaus Theater, Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen
  • Mehrere Programmpunkte bei freiem Eintritt. Ticketreservierung: ARGEkultur, Tel. +43-(0)662-848784 tickets@argekultur.at. Aktuelles: blog.openmindfestival.at

Von Petra Suchanek

Dieser Beitrag erschien in unserem Monatsmagazin „Kulturfenster“ im November. Es liegt zur freien Entnahme u. a. in Salzburgs Kulturstätten auf.

Foto zum Symposium KollektiveKränkungen: © fokus visuelle kommunikation