„Überlegene Gläubige und Ungläubige“

SF-Interview: Der Historiker Heiko Heinisch hat 16 Wiener Moscheen in einer Studie untersucht.

Imame dürfen nicht mehr aus dem Ausland bezahlt werden. Gut so?
Das Verbot ist richtig. Wenn Glaubensgemeinschaften aus dem Ausland finanziert werden, führt das dazu, dass die Geldgeber bestimmte theologische,  ideologische  Richtungen sehen wollen. Atib und Milli Görüs sind die größten Moscheeverbände, beide sind  hierarchisch organisiert. Atib hängt an der staatlichen Religionsbehörde Diyanet, die Imame werden  teilweise direkt aus Ankara geschickt.  Ohne die finanzielle Abhängigkeit ist zumindest die Möglichkeit gegeben, dass die Beeinflussung aus dem Ausland nicht mehr ganz so tragend ist.

Was wird in den Moscheen gepredigt?
Wir haben uns 16 Wiener Moscheen angeschaut und  die türkische, bosnische und albanische Gemeinschaft gut  abgebildet. In sechs  Moscheen, darunter vier türkischen,  arbeitet man intensiv gegen die Integration. Dort wird ein Weltbild gepredigt, das in Gläubige und Ungläubige einteilt und die islamische Überlegenheit propagiert. Die Muslime sollen  sich zusammenschließen, um  sich gegen die Ungläubigen durchzusetzen. In praktisch allen türkischen Moscheen wird ein offener Nationalismus gepredigt. Bei Milli Görüs geht das teilweise soweit, dass eine neo-osmanische Führung angestrebt wird. Diese Predigt handelte  ausschließlich vom Djihad. In anderen  Moscheen wird gepredigt, man solle nicht zu viel Kontakt mit den Ungläubigen haben, weil das ein schlechter Einfluss sei.

Integration sieht anders aus.
Ja. Hinzu kommt, dass die gleichen Imame an den Wochenenden auch den Koran-Unterricht für Kinder anbieten.  Buben und Mädchen  sitzen in verschiedenen Räumen. Das zementiert die Geschlechter-Apartheit, die wir gefunden haben. In den meisten Moscheen gibt es  für Frauen  keine Räume, und wenn, werden sie beim Freitagsgebet von Männern okkupiert.

Woher kommt die Radikalität?
Der konservative Islam wird seit der iranischen Revolution 1979 überall verbreitet. Auch Atib war vor 15 Jahren ein völlig anderer Verband. Damals hat man den säkularen Staat noch dahinter gesehen.

Gibt es offene Moscheen?
Wir haben zwei getroffen, wo die Besucher zu Kontakten und Freundschaften in der Zivilgesellschaft angehalten wurden. In einer wird Deutsch gepredigt.

Von Sonja Wenger