Das perfekte Eheseminar

Ich war, vielleicht haben Sie’s im Sommer gelesen, 2017 auf sieben Hochzeiten. Sie können mich gern als Hochzeitsgast buchen, ich bin jetzt ein Profi.

Ich kann Seifenblasen gezielt Richtung Brautpaar fliegen lassen. Ich kann eine ebenso rührende wie amüsante Rede auf dem Standesamt halten. Ich kann nette Hochzeitsworte in Karten schreiben, ich kann Geldscheine verpacken, ich kann Polaroids machen – denn wenn man 2017 auf einer Hochzeit kein Polaroid macht, war man dann überhaupt auf einer Hochzeit? –, ich kann Wunderkerzen gerade halten, und ich kann sehr gut Hochzeitstorte essen.

Ich mag Hochzeiten. Und als Gast darf man ganz gechillt den Trubel beobachten. Am liebsten natürlich die wichtigste Person des Tages: die Braut. Sie, die das alles im Alleingang und mit viel Aufwand organisiert hat, wie jeder Bräutigam in seiner Rede gesteht. Da gibt es die entspannte Braut, das ist meist die, die nicht bereits als Vierjährige vom Heiraten geträumt hat, sondern es jetzt aus pragmatischen Gründen (= Kinder) tut und „weil ich’s halt schon schön finde“. Sie hat alles im Griff, lässt sich aber durch den Tag treiben und genießt, was geschieht. Dann gibt es die nervöse Braut, die so tut, als würde sie genießen, was geschieht, in Wahrheit aber in Gedanken stets beim nächsten Punkt auf der Tagesordnung, bei der Stimmung der Gäste und bei der Zartheit des Tafelspitzes ist und sich am Abend insgeheim freut, dass alles vorbei ist.

Karikatur: Thomas Selinger, www.seli.at

Auf Hochzeiten zeigt sich der Zusammenhang zwischen Perfektionismus und Glückseligkeit: Das eine scheint das andere auszuschließen. Es kommt sowieso immer alles anders als geplant, so ist das Leben. Das merkt auch die hysterische Braut, die meist schon um 6 Uhr morgens, wenn die Visagistin kommt, in Tränen aufgelöst ist und zittert. Sie kann nicht einmal so tun, als würde sie den Tag genießen, weil sie gestresst ist. Geschlafen hat sie auch nicht. 30 Jahre lang hat sie sich vorgestellt, wie sie im Riesentüll langsam auf den Altar zuschreiten wird, wie sich alles perfekt anfühlen wird, und jetzt, da es soweit ist, sind die Rosen einen Tick zu pink, das Kleid der Sängerin beißt sich mit den Roben der Brautjungfern, der Ringträger fängt verschüchtert an zu weinen, der Weißwein ist nicht kalt genug, und die Glitzersteine auf den Tischkarten picken minimal schief. Eigentlich entspricht nichts dem Ideal ihrer Vorstellung. Ich hab ja ein bisschen Mitleid mit diesen Bräuten, denke aber innerlich: super Vorbereitung. In der Ehe ist das später nämlich auch so.

Mareike Fallwickl arbeitet als freie Texterin und Lektorin. Mail: interaktiv@svh.at

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