Touristenmassen: Salzburg schon unter Top 5 in Europa

Die Wertschöpfung ist allerdings nur mittelmäßig: 89 Euro je Zimmer. Experte fordert einen Masterplan.

Eine Studie des  renommierten Beratungsinstituts Roland Berger bestätigt nun, was die Bewohner seit langem spüren: Der Tourismus in der Stadt Salzburg ist extrem dicht geworden. Bei der Touristendichte (Nächtigungen je Einwohner) liegt Salzburg europaweit auf  Platz 5 unter 45 Städten – und mischt sich somit unter Metropolen wie London (jährlich 57 Mill. Nächtigungen) oder Paris (36 Millionen Übernachtungen). Bei den Städten mit vergleichbaren Nächtigungszahlen (zwei  bis zehn Millionen Nächtigungen) wie  Zürich, Kopenhagen, Brüssel,  Budapest oder Oslo steht Salzburg hinsichtlich Tourismusdichte sogar  an der Spitze.

Akzeptanz der Einheimischen

Studienautor Vladimir Preveden hat im Auftrag der Österreichischen Hoteliervereinigung auch noch andere Kennzahlen ermittelt („European City Tourism 2015“): das Bettenwachstum, die Wertschöpfung, die Erreichbarkeit und Internationalität der Destination, die Bedeutung als Kongressstadt. Preveden: „Die Idee war, verschiedene Städte nach ihrem touristischen Erfolg zu messen und dabei nicht nur in reinen Nächtigungszahlen zu denken. Dieser gängige Ansatz greift viel zu kurz, wenn man einen nachhaltigen und von der Bevölkerung akzeptierten Tourismus entwickeln will.“

Explosives Wachstum

Der Städtetourismus wächst wie kein anderer Wirtschaftszweig. Die Ankünfte in europäischen Städten stiegen seit 2005  um 38 Prozent – jene in nicht-urbanen Destinationen nur um 14 Prozent. Salzburg profitiert von der Dynamik offenbar besonders. Man macht sich nach einem Rekord-Jahrzehnt daran, die  Marke von drei Millionen Nächtigungen zu knacken. Mit 150.000 Einwohnern gilt  die Mozartstadt übrigens als Großstadt (laut einer historischen, internationalen Definition von 1887).

Andere Städte holen mehr heraus

Bei der  Wertschöpfung erreicht   Salzburg  allerdings nur  Mittelmaß: 89  Euro Umsatz je verfügbarem Zimmer, umgelegt auf das ganze Jahr. Der  Durchschnitt aller Städte liegt bei 81 Euro.  Teure Destinationen wie Zürich kommen auf  192 Euro,  Kopenhagens Hotellerie schöpft 119 Euro Umsatz aus einem Zimmer, Brüssel  immerhin noch 100 Euro. Preveden: „Salzburg will sich als Premiumdestination positionieren, was logisch und richtig ist. Man will höhere Preise umsetzen, in der Hotellerie, in der Gastronomie, im Handel. Das Problem ist, wenn der Premiumgast   aus dem Hotel hinausgeht und in die Massen hineinkommt, dann wird der nicht mehr kommen. Dann passt das Produkt nicht.“

Bevölkerung wandert ab

Städte wie Venedig, Barcelona oder Dubrovnik führen das zügellose Entgleisen des Tourismus vor.  Die kroatische Hafenstadt erleide einen „dramatischen Bevölkerungsschwund“ (Preveden), der Grund sind 45 Übernachtungen pro Einwohner – gegenüber 18 in Salzburg. Das alte Zentrum von Prag sei ein „seelenloses Disney Land“, in Barcelona und Venedig ist die Stimmung unter den Einheimischen ins Feindselige gekippt. Auch eine Stadt habe Kapazitätsgrenzen, sagt der gelernte Techniker  Preveden. „Wenn der Tourismus zu viel wird, tritt man in Friktion mit der Bevölkerung, weil die Bevölkerung nicht mehr normal leben kann.“   Zudem werde das gesamte  Preisniveau nach oben gezogen, Einheimische wanderten ab. In London, Paris oder Wien ist Wohnraum in der City inzwischen einer kleinen gesellschaftlichen Elite vorbehalten.  Aus Sicht der Stadtentwicklung sei das „katastrophal“, meint   Preveden.
„Der Tourismus  ist etwas extrem Wertvolles, aber er muss gesteuert werden. Ob das Steuern für Tagesbusse sind oder  Quoten für Touristen. Es braucht einen Masterplan, in den alle Stakeholder eingebunden sind.“

Sonja Wenger