Geht raus! Warum das Naturerlebnis so wichtig ist und wie man Kinder ins Freie lockt

Es „herbstelt“ gewaltig. Längst kein Grund, sich zuhause einzuigeln. Die Kinder vom Waldkindergarten in Guggenthal sind bei jedem Wetter draußen.

Dass Bewegung an der frischen Luft dem Menschen gut tut, ist altbekannt. Trotzdem kommt diese oft zu kurz. Auch bei Kindern. Heute fühlten sich diese im Internet sicherer als im Wald, schlug die Halleiner Psychologin Magdalena Mair in einem SF-Bericht Alarm.

Bei den Kindern im Waldkindergarten in Guggenthal bei Koppl ist das nicht der Fall. Sie sind jeden Tag im Wald unterwegs. Jetzt darf man nicht glauben, dass da lauter kleine Moglis rumlaufen. Der Kindergarten ist in einem Haus der Österreichischen Bundesforste untergebracht, dort wird gegessen und Mittagsruhe gehalten. Die Kinder verbringen aber so viel Zeit wie möglich im Wald.

Auch das Vorschulprogramm wird nach Möglichkeit in der Natur absolviert. Rechnen unterm Baum? Geht. Schlechtwetter hält sie nicht auf. „Kinder lieben es, durch Wasserlacken zu gehen. Regen stört sie nicht. Wir singen Regenlieder, beobachten Feuersalamander und Würmer, die nur bei Regen rauskommen, mit der Lupe. Bergschuhe und Gatschhose gehören bei uns zur Grundausstattung“, sagt Leiterin Monika Eder, die auch zwei Sportkindergärten in Wals und in der Göllstraße der Stadt Salzburg betreibt.

 

Die Waldkindergruppe im Guggenthal geht bei jeder Gelegenheit ins Freie. Im Bild: Pädagogin Sarah Bernberger, Marie (vorn), Johanna und Laurenz.                                                                 Bilder (2): Marco Riebler

Seit fast 60 Jahren (!) ist Eder als Kindergärtnerin tätig, sie hat viele Kinder beim Großwerden begleitet. Ihre Erfahrung: Kinder sind heute nicht zappeliger als früher, vorausgesetzt, das Umfeld passt und die Eltern kümmern sich um ihren Nachwuchs.

Reizüberflutung durch Computerspiele und massenhaft Spielzeug gibt es in Guggenthal nicht. Kinder finden im Wald immer etwas zu spielen. Das regt die Fantasie an. Sie sammeln Zapfen, legen Muster aus Moos, basteln Zwergenhäuser, flechten aus Grashalmen Zöpfe, bauen Körbchen, sammeln Löwenzahn oder Heckenrosenblätter, um daraus Hustensaft herzustellen.

Die Kleinen lieben es auch mit Holz zu arbeiten, zu sägen und zu hämmern. Der Wald mache die Kinder ausgeglichener und gesünder sind, so Eder: „Die Kinder wachsen in Freiheit auf, so wie früher. Es gibt bei uns aber auch klare Regeln, sie lernen Rücksicht zu nehmen. So dürfen sie im Wald nicht brüllen. Ich sage ihnen immer, der Wald gehört den Tieren, wir sind hier nur Gäste.“

Eltern sollten sich auch selbst an der Nase packen

Der Bewegungsdrang von Kindern ist hoch, nimmt mit dem Alter aber ab. Handys und Computerspiele zu verteufeln, helfe wenig, sagen die Lerntherapeuten und Kinderpsychologen Karin und Simon Erlach, die in der Herrnau eine Praxis betreiben. „Die Elektronik wird die Welt beherrschen. Sie komplett zu verbieten, ist der falsche Weg. Sie hat ja auch Vorteile. Aber genauso wichtig wie Faktenwissen ist das Wissen aus eigener Erfahrung. Deshalb muss man aktiv in die Umwelt reingehen. Das prägt den Menschen in seiner Persönlichkeitsstruktur“, so Erlach.

Kinder seien heute nicht antriebsloser als früher. Wenn das Kind zum Stubenhocker mutiert, liegt das auch an den Eltern. „Kinder übernehmen die Umweltsituationen der Erwachsenen. Eltern sind oft nicht die besten Vorbilder.“ Wird beim Spaziergang das nächste Wirtshaus angepeilt und dann das Kind zum Spielen weggeschickt, wird sich bei diesem keine große Freude am Spazierengehen einstellen.

Um zu verhindern, dass der Nachwuchs ständig vor Handy und Tablet sitzt, empfiehlt Erlach, mit den Kindern einen Freizeitplan zu erstellen. Da dürfen technische Medien ihren Platz haben. Der zweite Teil gehört aber der Natur, den Freunden. Kinder, die eher passiv sind, dürfe man ruhig aktiv in die Pflicht nehmen. Wichtig sei dabei, sich in das Kind hineinzuversetzen, sich zu überlegen, was es interessiert. „Da heißt es am Anfang oft, geh muss das sein, am Ende sind sie aber begeistert“, so Erlach. Und noch einen Tipp hat er parat: Nicht gleich aufgeben, wenn das Kind nicht will. „Eltern brauchen Durchhaltevermögen.“

„Man kann mit fünf Steinen ganz tolle Spiele machen.“ Daniela Weißbacher aus Lofer gestaltete mit ihren beiden Töchtern ein kunterbuntes Familienbuch. Foto: privat

Familien-Buch: Spielerisch die Kinder motivieren

„Es braucht nicht viele Mittel, um in der Natur spielen zu können“, weiß Daniela Weißbacher. Das zeigt die TEH-Praktikerin aus Lofer in einem kunterbunten Familienbuch auf, das sie mit ihren Töchtern Luisa und Leonie gemeinsam erarbeitet hat. In „Verwurzelt und beflügelt. Eine spannende Entdeckungsreise in die wilde Natur“ (Freya-Verlag, 2017) finden sich neben Rezepten, Märchen und Tipps für die Hausapotheke vor allem viele Spielideen für draußen.

Da kann man zum Beispiel eine „Schattenbühne“ bauen. Dafür ein Leintuch zwischen Stöcke spannen, mit einer Lampe beleuchten und sich dahinter bewegen – fertig ist das Schattentheater. Oder eine „Radmühle“ bauen. Dazu braucht es nur ein Blatt Papier und Steine oder Schneckenhäuser. „Es entspricht unserem Zeitgeist, dass man alles kompliziert macht. Oft ist es aber ganz einfach. Das kann man von Kindern und ihrer Fantasie lernen“, sagt Weißbacher.

 

 

Diese Vereine bieten kindgerechte Outdoor-Aktivitäten

Nicht immer haben Eltern Zeit, um mit ihren Kindern rauszugehen. Bei folgenden Vereinen können Kinder unter fachkundiger Aufsicht Natur erleben:

Pfadfinder. Zeltlager, Wandern, Teamwork: Die Pfadfinder praktizieren Outdoor-Pädagogik seit über 100 Jahren.
Naturfreunde. Klettern, Ferienlager, Hütten, Schikurse uvm.: Das Veranstaltungsprogramm für Kinder und Familien ist bunt.
Alpenverein. Bergferien, Sommercamps, kinderfreundliche Hütten, Kurse umfasst das Angebot für Kinder und Familien.

 

Von Petra Suchanek

1 Kommentar

  1. Bedeutung des Naturerlebens - scouting Antworten

    […] Bildnachweis: Stamm St. Rochus (beim Rodungseinsatz) Quelle: Salzburger Fenster 09.10.2017 […]

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