Warum fürchten wir uns so?

Mein Sohn geht seit 11. September in die Schule, und zwar: zu Fuß.

Ältere Menschen erzählen dann gern: „Ich musste 27 Kilometer zur Schule gehen. Bei fünf Meter hohem Schnee. Barfuß!“ Jüngere rufen anklagend: „Um Gottes Willen, was da alles passieren kann!“ Jedes fünfte Kind in Österreich wird laut Verkehrsclub mit dem Auto zur Schule gefahren. In der Stadt Salzburg sind das an jedem Schultag 1600 Autofahrten allein in der Früh. Und die meisten Eltern würden ihr Kind am liebsten noch in die Klasse tragen. Aber warum? Was ist in den letzten 20 Jahren mit uns geschehen?

Ich wette, dass auch Sie aufgewachsen sind wie ich: mit Eltern, die zwar für uns da waren, sich aber im Hintergrund hielten. Ich war ein Draußenkind, ein Baumkletterkind, ein „Wüdling“. Ich bin mit meinen Freunden kilometerweit durch die Gegend gestreift, nur Blödsinn im Schädel, und wir waren vor allem eins: frei. Manchmal, das geb ich zu, wenn wir den letzten Bus verpasst hatten, es dunkel war und schneite, wär’s schön gewesen, wenn uns jemand abgeholt hätte. Aber es gab ja kein Handy. Und irgendwie sind wir schon heimgekommen, wir hatten keine Angst.

Doch jetzt sind wir selbst Eltern, und was tun wir? Wir überbehüten unsere Kinder. Wir kutschieren sie herum, passen permanent auf sie auf, räumen ihnen alle Hindernisse aus dem Weg und verhindern, dass sie Fehler machen, weil wir sie beschützen wollen. Was wir aber eigentlich damit verhindern, ist, dass sie selbstständige, mitfühlende, sichere Menschen werden, die ihre Grenzen kennen, ihre Stärken und ihr Potenzial.

Die Angstmache der Medien sei daran schuld, heißt es. Dabei sollten die Erfahrungen unserer eigenen Kindheit für uns viel wichtiger sein. Der Freiraum, den wir hatten. Die Fehler, aus denen wir klug geworden sind. Und das Selbstbewusstsein, das uns all das gegeben hat. Unsere Kinder brechen sich ohne unsere Aufsicht nicht sofort alle Knochen. Sie werden auch nicht gleich gestohlen. Ich bin dafür, dass man ihnen etwas zutraut – damit sie sich entwickeln können. Mein Sohn geht selten allein, sondern meistens mit Nachbarskindern, und beim Zebrastreifen steht morgens die Polizei. Er hat sogar eine Warnweste! Und wenn er am Ziel ankommt, sollten Sie ihn mal sehen. Er strahlt und platzt fast vor Stolz. Er sieht selbstbewusst und fünf Zentimeter größer aus. Natürlich hab ich Schiss, dass ihm was passiert, und warte mittags nervös auf ihn. Aber das lass ich mir nicht anmerken, ich lob ihn und geb ihm High Fives. Er soll sich nicht fürchten.

Karikatur: Thomas Selinger – www.seli.at