So ein Esel, der entschleunigt

Wanderungen mit einem Grautier, das gibt es wirklich. Zwei Salzburger wagten dieses tierische Erlebnis.

Wenn ein Esel losbrüllt, dann ist das laut. Sehr laut. „Da zittert der ganze Esel, das ist wie ein kleines Erdbeben“, schildert Charlotte Kraus lachend. Die gebürtige Gasteinerin kennt sich aus in Sachen Grautier, heuer unternahm sie mit ihrem Freund Jan Sand eine Eselwanderung entlang der slowenischen Grenze.

Picknick mit Esel.                                                                                                                                                    Fotos: privat

Als Pressesprecherin vom Haus der Natur hat Kraus ebenso wie ihr Freund, der im Online-Marketing eines Konzerns tätig ist, einen Bürojob. Die Freizeit in der Natur zu verbringen, ist für sie ein schöner Ausgleich. Deshalb schenkte Kraus ihrem Freund den Eseltrip zum Geburtstag.

Sie nahm Kontakt mit der Familie Winkler in der Südsteiermark auf, die Esel für Tages-, Dreitages- oder Wochentouren verleiht. Kraus entschied sich für eine Tagestour und erhielt wenig später Post von Eselin Emily. „Es war eine Anleitung, wie man mit einem Esel umgeht“, erzählt Kraus. „Ich fand das total entzückend. Da stand zum Beispiel: ,Der Esel ist ein neugieriges, ängstliches, verfressenes Herdentier.’ Und das ist er wirklich. Der will bei jeder Wiese fressen.“

Eselin Emily wartet geduldig. Auch ihr Sohn Herman macht bereits Eselwanderungen.

 

Der Esel legt das Tempo fest, da heißt es anpassen

Anders als bei einem Hund, der Befehlen gehorcht, steht der Esel auf Selbstbestimmung. Und er legt das Tempo fest. „So ein Esel geht richtig langsam. Ich war am Anfang ganz unrund, denn ich gehe gewöhnlich eher schnell, weil ich oft zu spät bin. Doch dann hat mich Emilys Tempo echt entschleunigt.“

Nach einer kurzen Einführung vor Ort, starteten sie mit Picknickkorb und Decke, Eseldame Emily an der Leine und einem Streckenplan im Gepäck ins Abenteuer. „Anfangs waren wir echt aufgeregt“, sagt Kraus. Schließlich passiert es öfters, dass die Wanderer ihr Ziel nicht erreichen. Denn wenn ein Esel nicht mehr weiterwill oder Angst hat, bleibt er einfach stehen. Und er testet gern, wer der Chef der Herde ist. Deshalb bekamen die beiden Salzburger mehrere Tricks mit auf den Weg.

Hat man den Esel einmal auf seine Seite gebracht, trottet er brav mit.

Die Feuertaufe wartete gleich ums erste Eck, in Form einer Wiese voll saftigem Löwenzahn. Wer sich da abdrängen lässt, hat verspielt, wurde Kraus gesagt. Dagegen hilft: Einmal das Tier im Kreis drehen und schon trottet es brav weiter. Vorausgesetzt, die Belohnung stimmt. Denn dass die Welt aus Geben und Nehmen besteht, weiß jeder Esel. Als Höhepunkt empfand Kraus das Picknick: „Wir saßen in der Sonne, Emily hat neben uns gegrast, da ist uns so das Herz aufgegangen.“

Auf die Geduldsprobe wurden sie gestellt, als Emily nach einem Stopp im Gasthaus zum Gaudium der Gäste nicht mehr weiterwollte – und dunkle Wolken am Himmel aufzogen. „Da hab ich das erste Mal gespürt, wenn sie nicht will, geht nichts.“ Mit Semmeln wie die buchstäbliche Karotte vor die Nase gehalten, ließ sich Emily dann doch bewegen.
Eine Eselwanderung würden die beiden sofort wiedermachen. Denn im Ziel waren sie nicht nur müde, sondern vor allem euphorisiert, entspannt und glücklich.

Von Petra Suchanek