Isst du noch oder ernährst du dich schon?

Falls ich Ihnen in dieser Kolumne ein bisserl grantig vorkomm, wundern Sie sich nicht: Das liegt am Hunger.

Ich mach nämlich grad eine Detox-Saftkur und ess fünf Tage lang nix. Falls Sie das schon blöd finden, passen Sie auf: Ich ess auch seit vier Wochen kein Fleisch mehr. Dazu haben Sie bestimmt eine Meinung – jeder hat dazu eine Meinung, und damit sind wir bereits beim Thema: der Hysterie rund um unsere Ernährung.

Karikatur: Thomas Selinger – Internet: www.seli.at

Man kann heutzutage nicht einfach nur essen. Um Himmels Willen, nein, man muss sich ernähren, und zwar auf eine bestimmte Weise. „Ich ernähre mich glutenfrei“, zum Beispiel, „ich ernähre mich vegan“. Man kann auch die Ernährung anderer nicht unkommentiert lassen. Die einen rollen bei „laktoseintolerant“ sofort mit den Augen, die anderen belehren bei der Bestellung im Restaurant über die Kalorien, und Steak-Liebhaber liefern sich im Internet hasserfüllte Kommentarkriege mit Veganern.

„Nahrung wird zunehmend zum Instrument auf der Suche nach dem Selbst, zum Tool der Selbstverwirklichung, der Selbsterfahrung und der Selbstdarstellung, ein hochemotionales allgegenwärtiges Thema“, schreibt Zukunftsinstitut.de im Artikel „Wie wir morgen essen werden“, und weiter: „Essen wird als Mittel zur Selbstbeschränkung, der Persönlichkeitserweiterung, der Communitybildung, der Weltverbesserung oder der Provokation eingesetzt.“ Jeder weiß alles besser. Und jeder verzichtet auf etwas. Auf Zucker, Fleisch, tierische Produkte, Laktose, Weizen. Das ist nichts Schlechtes, im Gegenteil, man soll ja darauf achten, was einem gut tut.

Aber wie können wir uns ein solches Verhalten leisten? Weil wir im Überfluss leben. Wir müssen nicht hungern, wir müssen nicht froh sein, dass wir überhaupt IRGENDWAS zu essen bekommen. Sämtliche Ernährungs- und Diättrends sind nichts anderes als ein Ausdruck von Dekadenz, ein Erste-Welt-Syndrom. Ich nehm mich da nicht aus, ich mache ja selbst mit. Ich hab mich mit Clean Eating beschäftigt, weil ich nicht mehr so viel industrialisierten Dreck essen will, ich hab Zucker und Weizen weggelassen, und seit Neuestem bekommen wir eine Biokiste.

Die Rückbesinnung auf das Echte, das Biologische, die im Trend liegt – erkennbar an Gemüse, das wieder unförmig sein darf, an der Wiederentdeckung alter Sorten und am Eigenanbau, der als „Urban Gardening“ trendet – ist eine gute Sache. In Österreich haben wir da viele Möglichkeiten. Wir haben allerdings auch viel Schweinsbraten und Sachertorte. Aber zum Glück ist es ebenso trendy, ein Flexitarier zu sein.