Freundschaft: Wärme in einer kalten Welt

Warum Freundschaften  wichtiger werden – und fast wie Familie sind.

Angelika Walser (siehe Bild oben) ist Professorin für Moraltheologie und Spirituelle Theologie an der Universität  Salzburg. Ihr neues Buch widmet sich der Freundschaft. Warum in ihr heilende Kraft steckt, erzählt sie dem „Fenster“.

SF: Warum sind Freundschaften lebensnotwendig?
Echte Freundschaft macht und hält gesund. Das belegen Studien. Gelungene Beziehungen sind Ressourcen für die psychische und physische Gesundheit. Da sinkt der Blutdruck und Stress. Lebensnotwendig sind Freundschaften, weil wir in ihnen die Welt und uns mit neuen Augen sehen lernen und uns Freundschaften positiv verändern.

Sie nennen Freundschaften „warme Inseln in einer kalten Welt“ …
Die meisten Menschen in unseren Breitengraden erleben viel Stress am Arbeitsplatz, hohe Leistungsanforderungen, Versagensängste. Freundschaft ist sozusagen das Gegengift dazu. Freundschaft ist ein kleiner Raum, wo es warm ist und ich sein darf, wie ich bin. In einer Welt, die uns unglaublich viel abverlangt und immer unüberschaubarer wird,  sind Face-to-Face-Freundschaften zwischen zwei Menschen Orte, wo man sich erholen kann.

Ihre These ist, dass Freundschaft immer wichtiger wird. Warum?
Weil die Welt eben immer unüberschaubarer wird. Freundschaft ist eine der wichtigsten Ressourcen, die ein Mensch haben kann. Schon Aristoteles wusste: Der Mensch braucht Freundschaften. Viele Frauen leben ihre Freundschaften sehr bewusst, weil sie sie als persönliche Ressourcen erkennen. Männer pflegen ihre Freundschaften leider oft zu wenig, obwohl sie sie genauso dringend brauchen. Das hat oft tragische Konsequenzen, wie man an Suiziden vieler Manager in Japan und China gesehen hat, die an ihrer totalen Arbeitsüberlastung und sozialen Isolation zugrunde gingen. Auch bei uns nehmen sich immer wieder ältere Männer das Leben, weil sie sozial völlig isoliert sind.

Wird Freundschaft der „dritte Weg der Fürsorge“ neben Familie und Staat?
Ich denke ja. Das war auch der Grund, warum ich dieses Buch geschrieben habe. Das bürgerliche Recht wird schön langsam der Freundschaft gerecht. Freunde erlangen immer mehr einen ähnlich hohen Stellenwert wie bisher nur die Familie. Da tut sich gesellschaftlich etwas. Freundschaft springt dort ein, wo das Solidarsystem nicht mehr greift.

Sie schreiben: „In einer sehr individualistischen Gesellschaft der Leistungsfähigen haben wir verlernt, uns einander in unserer Verletzlichkeit zuzumuten. Und werden dabei immer einsamer.“ Können gute Freunde gar den Weg zum Therapeuten ersetzen?
Verletzlichkeit ist nicht nur ein Schaden und ein Risiko, sondern kann auch positiv sein. Wer sich über seine Wunden im Klaren ist, kann besser mit sich selbst und mit anderen umgehen. Immer wenn es um „normale“ Verwundungen geht, Phasen, in denen man nicht gut drauf ist oder wenn jemand stirbt, kommt man mit Freunden tatsächlich gut durch.

Was macht Freundschaft aus?
Man muss seine Verletzlichkeit eingestehen, Differenzen aushalten, einen gewissen Grad der Verbindlichkeit halten und gewisse Gleichheit in Bezug auf Werte haben.

Erwarten wir heute zu  viel von Freundschaften?
Ja. In der Liebe ist es auch so. Es ist eine Kunst, zu sagen, der andere muss mir nicht alle Bedürfnisse erfüllen. Den lieben Gott darf man nicht erwarten. Und Freundschaft beruht immer auf Geben und Nehmen.

Buchpräsentation „In deiner Nähe geht es mir gut. Warum Freundschaften lebensnotwendig sind“ am Di., 19. September, 20 Uhr, Panoramabar der  Stadtbibliothek Salzburg

Von Sabine Tschalyj

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