20 Jahre Gipfelbuch: Der Ruf der Berge ist vielstimmig

Der Berg lockt wie nie zuvor. Wird er deshalb gefährlicher? Bergfex Thomas Neuhold, der seit 20 Jahren die Bergkolumne „Gipfelbuch“ im „Salzburger Fenster“ schreibt,  ist bis zu 100 Tage im Jahr am Berg unterwegs. Im Interview erzählt er, was sich in den Bergen verändert hat.

SF: Wie hat sich die Bergwelt verändert?
Thomas Neuhold: Es gibt zwei massive Veränderungen: Das eine ist der Klimawandel im Hochgebirge. Die Vegetationsgrenze ist in den letzten 20, 25 Jahren zwischen 100 und 200 Höhenmetern nach oben gewandert. Der Gletscherrückgang ist evident, man denke an den Unfall jüngst in Krimml, das war auch ein subjektiver Fehler, aber nicht nur. Ich war gerade am Sonnblick, der ist nur noch über den Nordgrad erreichbar, der Gletscher ist unbegehbar, das ist viel zu gefährlich. Das Zweite betrifft die Art des Bergsteigens. Früher war Wandern und Bergsteigen bei den Jungen gar nicht cool, inzwischen ist es bei diesen total in, egal ob Klettersteig oder Slacklinen oder Bergsteigen, was mich sehr freut. Noch auffälliger ist es bei den Skitouren, das ist heute eine Trendsportart. Viele Touren haben einen Massenansturm.

SF: Apropos Krimml: Sind viele der alten Touren heute nicht mehr möglich?
Das betrifft vor allem die Gletscherschmelze und das Hochgebirge. Da gibt es Routen, die gehen nicht mehr. In einer Region unterhalb von 2500 Metern hat sich aber nicht viel verändert.

SF: Ist der Ansturm in den Bergen zu groß?
Ich finde es total in Ordnung, wenn viele Leute auf den Berg gehen und Spaß haben. Es gibt ein paar Hotspots, wo man eventuell regulierend eingreifen könnte. Der berühmte Stau zwischen Klein- und Großglockner etwa. Da kommt es immer wieder zu gefährlichen Situationen, weil es so eng ist. Sind da 50 Leute, steigen sie sich gegenseitig ins Seil und in die Steigeisen.

Will man das nicht, hat man Alternativen. Ein Beispiel sind die Schoberköpfe im Hochkönigmassiv, die ich vor zwei Wochen im „Gipfelbuch“ hatte. Die Masse rennt auf den Hochkönig, auf den Schoberköpfen war ich den ganzen Tag allein.

Der Charakter der Lawinen hat sich verändert, weil der erste große Schnee in Salzburgs Bergen später kommt als noch vor 20 Jahren, weiß Thomas Neuhold. Foto: Marcus Hank

SF: Wie sieht es mit den Nutzungskonflikten aus?
Was die Erschließung der Berge betrifft, können Bergsteiger und Liftbetreiber jetzt ganz gut miteinander leben. Was nicht zu akzeptieren ist, ist der Versuch der Liftgesellschaften, ich nenne ausdrücklich das Beispiel Flachau, die Wegefreiheit, die uns per Verfassung garantiert ist, einzuschränken. Das gilt auch für die Jägerschaft. Ich respektiere Schutzgebiete, aber ein grundsätzliches Aussperren für die reichen Jagdherren, das geht nicht.

„Almen sind kein Streichelzoo.“ Thomas Neuhold

SF: Es kam zuletzt öfters zu Kuh-Attacken auf Almen. Wie lässt sich das erklären?
Unfälle hat es immer gegeben, da muss man ein bisserl aufpassen, was medial hochgepusht wird. Wenn man sich richtig verhält, ist das Unfallrisiko mit Weidetieren fast Null. Ich war selbst zwölf Jahre lang mit einem Hund unterwegs und hatte noch nie ein Problem. Ich glaube, es liegt zum Teil auch an falschen Vorbildern. Erst diese Woche habe ich einen Werbespot gesehen, wo Parteispitzen auf der Litzlalm wandern gehen und Kühe streicheln. Die Alm ist kein Streichelzoo.

SF: Was war Ihr gefährlichster Moment am Berg?
Das war ein Lawinenunglück im Juli 1999 am Diran im Karakorum in Pakistan, da hatten wir zwei Tote und eine Schwerverletzte in unserer Gruppe. So hart das klingt, auf solchen Bergen muss man damit rechnen. Meine wichtigsten Bergmenschen sind am Berg gestorben, Ulli Gschwandtner und vor zwei Jahren Edi Koblmüller. Wir hatten auch einmal einen schweren Lawinenunfall in den Abruzzen, wo ich den Edi ausgegraben hab. Aber auch bei uns kam ich in brenzlige Situationen, etwa einem Steinschlag im Glocknergebiet. Wer viel in den Bergen unterwegs ist, erlebt das früher oder später.

„Nur weil ich einen Gurt habe, rase ich auch nicht mit dem Auto mit 100 km/h gegen die Wand.“ Thomas Neuhold

SF: Die Sicherheitsausrüstung wird besser. Steigt da die Risikobereitschaft?
Nein. Die Lawinentoten werden über die Jahre hinweg weniger, gerechnet an den Ausübenden, deren Zahl rapide steigt. Nur weil ich einen Autogurt habe, rase ich auch nicht mit 100 km/h gegen die Wand. Ich appelliere stets an die Eigenverantwortung, veröffentliche bewusst keine GPS-Daten, denen man blind folgt. Ein Hang kann am Montag lawinensicher und am Mittwoch tödlich sein.

SF: Macht der Klimawandel den Berg unberechenbarer?
Nein. Es gibt aber vermehrt niederschlagsarme Winter und je weniger Schnee, desto gefährlicher der Winter, weil die Auslösewahrscheinlichkeit bei Lawinen steigt. Das hat sich zum Nachteil verändert. Und der erste große Schnee kommt nicht mehr Ende November, sondern Anfang Jänner rund um Heilig-Drei-König. Dadurch hat sich der Charakter der Lawinen geändert.

SF: Sie sind Mitbegründer des Bergfilmfestivals. Reizt Sie auch die extreme Höhe?
Mein höchster Berg ist der Ojos de Salado in der Atacama-Wüste (Chile, Anm.) mit knapp 6900 Metern. Ich habe das Höhenbergsteigen stets als Teil von Reisen empfunden. Ich will vom Land, von den Menschen etwas mitbekommen und nicht fünf Wochen im Basislager liegen und auf schöneres Wetter warten. Am liebsten ist mir das Salzkammergut, die Kombination von Seen und Bergen ist ein topografischer Glücksfall. Das kenne ich so nur vom Kleinen Süden in Chile.

SF: Gibt’s Gipfelbuch-Stoff für weitere 20 Jahre?
Wenn ich wo oben stehe, sehe ich wieder drei, vier neue Sachen, das ist kein Problem.

Von Petra Suchanek

 

Zu Bergfex Thomas Neuhold

Thomas Neuhold, wo er am liebsten ist: am Berg. Foto: Zornitsa Lazarova

Am 17. September 1997 erschien das erste „Gipfelbuch“ von Thomas Neuhold im Salzburger Fenster. Seither hat der Journalist, Buchautor und Mitbegründer des Bergfilmfestivals 900 Tourentipps für die „Fenster“-Leser verfasst – von der turnschuhgerechten Wanderung bis zu alpinen Touren im unteren dritten Grad, von leichten bis schwierigen Skitouren.

Für den gebürtigen Steirer, der seit 1976 in Salzburg lebt, ist der Berg nicht nur Sportgerät. Er schätzt die Landschaft, die Sonne, die Ruhe – und die Hütteneinkehr, weil man da oft interessante Menschen trifft.

Sein Appell: Bergsport ist auch Motorsport, die bei der Autoanreise zurückgelegten Kilometer sollten in vernünftiger Relation zu den Höhenmetern stehen.