Darf’s ein bisserl weniger sein?

Es gibt so einiges, was das österreichische Deutsch vom deutschen Deutsch unterscheidet. Da sind die mehreren Tausend Austriazismen, eh klar, in Deutschland kann man nicht abkragelt werden, es hudelt dort niemand, und Jause gibt’s auch keine.

Dann ist da die Sprachmelodie, sehr weich, eher gedehnt, na heeean’S ma aaauf, weiters die Vorliebe für das Perfekt statt das Präteritum, wir gingen nie, wir sind gegangen, und zu guter Letzt, ach mei, unser Hang zur Verniedlichung. Wir Österreicher besitzen eine Verharmlosungsfähigkeit, die sich sogar sprachlich manifestiert hat. Wir haben’s gern gemütlich, das merkt man auch unserer Ausdrucksweise an. Deswegen haben wir ein eigenes Diminutiv, eine Verkleinerungsform, das erl. Das erl ist uns sehr lieb, ohne das erl geht bei uns gar nix. Dieses Suffix – das ist eine Silbe, die man hinten an ein Wort hängt, im Gegensatz zum Präfix, das vorn drankommt – pappen wir an alles dran, da kennen wir nix.

Wir essen schon Semmerl zum Frühstück, tunken das Kipferl ins Kaffeetscherl, arbeiten ein bisserl, halten mittags ein Schlaferl, geben den Babys ein Flascherl und den Kindern ein Zuckerl, gehen einkaufen mit dem Wagerl und trinken abends ein Glaserl. Wir haben sogar eine Freunderlwirtschaft, die gibt’s sonst nirgends. Der Deutsche, Entschuldigung, der zischt da ja eher. Der muss sich, um etwas zu verkleinern, am chen oder am lein bedienen, und das chen ist halt nicht weich, sondern scharf, ein Fauchen, aus dem Rachen, als würd was drinstecken, das er rausröcheln muss.

Mädchen. Säckchen. Fächerchen. Und das lein hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. So ein Bäuchlein, das nimmt ja keiner ernst. Ein Männlein auch nicht. Das erl dagegen ist ein Zauberding: Alles, was damit in Berührung kommt, wird harmloser. Kleiner. Niedlicher. G’miatlicher. Das erl ist unsere Bagatellisierungswunderwaffe. Weil, na bitte, so schlimm is’ doch ned. Wir rauchen eigentlich gar nicht, es ist nur ein Zigaretterl. Wir saufen auch nicht, wir bestellen nur ein Achterl! Und Affären hat in Österreich fast keiner, ist doch nur ein Pantscherl. Mit dem erl markieren wir nicht nur etwas, das kleiner werden soll, sondern nehmen es auch gleich auf die leichte Schulter. Damit geht aber sehr wohl eine emotionale Beziehung einher: Unser Weinderl haben wir schon sehr gern. Unser Schatzerl auch. Genau wie das Bankerl, auf dem wir immer sitzen. Und falls Sie sich jetzt denken, was ist die heut wieder narrisch, nehmen Sie’s nicht so ernst. Ist ja nur das Zuckergoscherl.

Mareike Fallwickl arbeitet als freie Texterin und Lektorin. E-Mail: Interaktiv@svh.at