„Obergrenzen für Touristen“ in Salzburg gefordert

7,5 Millionen Touristen besuchen  jährlich Salzburg.  Das ist Segen und Fluch zugleich.

Es ist Juli, Hochsaison in der Stadt. Man steht unter Strom, hat keine Zeit für Journalisten. In der Edelschneiderei, im  Altstadthotel mit den prominenten Gästebuch-Namen geht kein Chef ans Telefon.  Man hat  sich ins Privatleben zurückgezogen oder ist  beschäftigt.
Viele Geschäftsleute machen jetzt den stärksten Umsatz des Jahres.   7,5 Millionen Besucher laufen jährlich  durch die Stadt       (2007 waren es      5,5 Millionen),   sie lassen 800 Millionen Euro da,  sichern 7000 Arbeitsplätze,  so  Salzburgs Tourismus-Gesellschaft. Salzburg ist mit  2,8 Millionen Nächtigungen  Österreichs zweitgrößter  Touristenmagnet (Wien hat   15 Millionen). Die Bettenkapazitäten wachsen stetig (plus  7 Prozent 2016), der Markt werde für alle härter, berichten Händler.

„Man kann davon leben“

Manfred Renzl ist seit  30 Jahren  im Souvenirgeschäft tätig. „Man kann davon leben, aber es war schon besser“, meint  der Geschäftsmann. „Natürlich ist die  Stadt  proppenvoll. Wichtig  ist aber, was die Leute  in der Hand tragen.  Viele Touristen schauen auf ihr Budget. Die buchen  günstige Flüge, schlafen um 25 Euro in der Stadt, die   müssen essen. Da  bleibt  nicht viel übrig.“ Immerhin sind die Spannen   schön: Die  Liebesschlösser etwa, die containerweise aus China nach Europa verschifft     werden, kosten im Einkauf  60  Cent bis drei Euro  – verkauft werden sie um bis zu 15 Euro. Das Souvenirgeschäft werde von zu vielen Teilnehmern ausgenutzt, kritisiert Renzl.
Der   Städtetourismus ist  der am stärksten wachsende Wirtschaftszweig. Die Mozartstadt legte zuletzt jährliche Steigerungsraten von vier  Prozent hin, schreibt ständig neue  „historische Rekorde“.

Die  anhaltende Terrorbedrohung dürfte  die Festspielstadt      eher    noch attraktiver machen.  Nun wird    die Hofstallgasse technisch aufgerüstet, dort erfolgt die glanzvolle  Auffahrt der Gäste. Man bewehrt die Poller. Im Mai hat der Dachverein Stadtmarketing-Austria  im Hintergrund einen Praxistag  in Graz veranstaltet,  Thema:  „Terror in der Stadt.“
Doch den Einheimischen   bereitet ein anderes Phänomen beklemmende Gefühle: Die  schieren Menschenmassen,  die sich durch die engen Gassen bewegen.

Geschiebe in der Gasse

Ein  älterer, deutscher Stammgast namens Thomas beschreibt auf Tripadvisor die Getreidegasse im Spitzenmonat August: „Und so schieben wir uns, quatsch, lassen wir uns schieben und halten unsere iPhones, Smartphones, Digicams über die Köpfe, um zuhause zu dokumentieren, wie cozy little nice es in Salzburg ist.“
Selbst der Altstadt Marketing-Chefin   Inga Horny,   wird  es langsam zu eng. „Ich vertrete 2400 Unternehmen  in der Altstadt, Ärzte, Anwälte,  Handwerker, Friseure. Nicht alle profitieren gleich vom Tourismus.  Kunden und Einheimische kommen nicht mehr so oft. Als Grund werden am häufigsten der Verkehr und der Massentourismus genannt.“ Überrannte Städte seien ein europaweites Phänomen, „damit müssen wir uns beschäftigen“, sagt     Horny. Der Altstadtverband hat deshalb eine Studie in Auftrag gegeben, Horny: „Ich will wissen, wer kommt, wie reist man an, was ist der Zweck? Die Märkte gehen auf,  die Leute kommen von immer weiter her.  Es kann nicht sein,  dass Masse die Wertschöpfung verdrängt.“

 

„Einzeln sind sie lieb, als Gruppe rennen sie einen um“, so Fremdenführerin Inez Reichl-De Hoogh.

Horny kann sich sogar Einschränkungen vorstellen. „Dann muss man halt für Besucher eine tägliche Obergrenze mit Ausnahmen machen und endlich ein funktionierendes Bussystem erfinden.“ Am Terminal Paris-Lodron-Straße,  dem Startpunkt der Ameisenroute, herrscht Parkverbot;  in Salzburg Süd kostet der Tagestarif 24 Euro  –   zahllose Reisebusse stehen illegal auf Lidl- und Hofer-Parkplätzen in Schallmoos. Hornys Vorschlag: „Wenn alles nicht hinhaut, muss es halt Einfahrtsgebühren für Busse geben.“  Ein  Fahrverbot, wie Bürgermeister Heinz Schaden  es nun fordert, wäre ein Schock.  „Das geht uns massiv gegen den Strich“, erklärt  Johann Höflmaier, Spartenchef für Handel in der Salzburger Wirtschaftskammer.

Verkäuferinnen, die nicht Deutsch sprechen

Die harte Währung  heißt Tourismus.  An sie passt man sich an, sie verändert das Lebensumfeld.  Eine Salzburgerin ging unlängst in ein schickes Bekleidungsgeschäft an der Getreidegasse, sprach eine Verkäuferin an.  „Sorry, I don’t speak German“,  habe diese geantwortet, so  die Kundin. Es gibt in dem Shop auch deutschsprachiges Personal.
Urlauber aus  China, Südkorea und anderen Tigerstaaten  sind in die Top Ten der Gäste aufgerückt.  Die neuen Wohlhabenden lieben Luxus, kaufen Uhren um 50- bis 300.000 Euro,   kämen oft sogar mit Einkaufslisten für die Verwandtschaft, weiß man beim  Steuer-Rückerstatter Global Blue.
„So dicht wie jetzt war es noch nie“,  klagt  Fremdenführerin Inez   Reichl-De Hoogh. „Die Chinesen sind liebe, fleißige Menschen, aber als  Gruppe sind die laut und rennen einen um.“ Sie verstehe, wenn  Einheimische die Altstadt meiden, meint die Sprecherin der Salzburger Austria-Guides.

Von Sonja Wenger