Das Leibhaftige

Einer der vielen Unterschiede zwischen Männern und Frauen zeigt sich ja kleidungstechnisch vor einem wichtigen Anlass.

Ob erstes Date mit dem Objekt der Begierde, Gastauftritt in einer Fernsehshow oder erster Tag im neuen Job: Die Frau probiert drei bis sieben Kleider an, kauft vielleicht sogar ein neues, prüft, welche Schuhe und welche Tasche dazupassen, stimmt Dessous, Nagellack und Lidschatten farblich ab, wäscht und föhnt sich die Haare. Der Mann schnüffelt an einem schon dreimal getragenen Shirt und murmelt: „Geht noch.“

Karikatur: Thomas Selinger www.seli.at

Es gibt aber ein Kleidungsstück, bei dem auch Frauen nachlässig sind. Bei dem es nicht aufs Schönsein ankommt. Und mit dem sie niemals, wirklich niemals aus dem Haus und schon gar nicht ins Fernsehen gehen würden. Die Rede ist vom Schlafleiberl. Das gibt’s in dieser Form nicht zu kaufen, nein, ein Schlafleiberl kann man erst werden, wenn man aus ebendieser Form geraten ist. Wenn man oft gewaschen wurde, wenn man vielleicht sogar Löcher hat (meist die fiesen kleinen, die auf Höhe des Bauchnabels entstehen).

Schlafleiberl kann man nur werden, wenn man für die Öffentlichkeit zu schiach ist. Schlafleiberl ist sozusagen ein Status, den man sich als gewöhnliches Leiberl erst erarbeiten muss. Irgendwann sind Shirts – das ist wie bei den Menschen – halt nicht mehr so schön, wie sie mal waren. Sie sind blasser und breiter als früher. Aber: Sie sind schon noch gut, eigentlich. Zu gut zum Wegschmeißen jedenfalls. Und außerdem verdammt gemütlich, weil schon perfekt an den Körper angepasst. Deswegen werden sie zum Pyjama umfunktioniert, zum Couch-Outfit, zum Kuscheltextil. In der Nacht, zuhause, ist es Frauen wurscht, wie sie aussehen, da sind Schuhe und BH längst in die Ecke gepfeffert, der Lidschatten abgeschminkt.

All die Filme, die uns vormachen, dass Frauen im Licht der Dämmerung in seidene Negligés und rüschige Spitzenhemdchen schlüpfen, gehen weit an der Realität vorbei, so weit wie ein ausgeleierter Gummibund. Das tun Frauen nur in der Zeit rund ums erste Date. Sobald aus den Dates eine Beziehung wird, das Vertrauen wächst und die Notwendigkeit, einander was vorzumachen, abnimmt, kommt es unweigerlich hervor: das Schlafleiberl. Männer halten es vielleicht für einen Liebestöter, doch in Wahrheit ist es der ultimative Liebesbeweis. Außerdem darf sich, wer selbst keinen Aufwand betreibt, auch nicht beschweren: Männer heben in fortgeschrittenem Beziehungsstadium abends einfach den Arm, schnuppern an der eigenen Achsel und sagen: „Geht noch.“

Mareike Fallwickl  arbeitet als freie Texterin und Lektorin