Busen hoch, Ohren zurück: Die Salzburger helfen der Schönheit nach

Eine plastische Chirurgin erklärt, warum der natürlichen Schönheit so viele nachhelfen.

SF: Sie haben im Vorgespräch gemeint, Sie möchten nie vom Schönheitsgeschäft leben müssen. Klingt seltsam von einer plastischen Chirurgin.
Lisa Russe:  Nein, nicht ganz. Für mich ist die Migräne-Chirurgie ein wichtiger Teil plastischer Chirurgie. Ein chronischer Schmerzpatient ist weit davon entfernt, von Schönheit zu träumen. Die  fragen nie, ob Narben bleiben, obwohl man mitten ins Gesicht schneidet.

Schön sein will aber letztlich jeder.
Im Sinn eines ästhetischen Idealbilds leben wir in einer Leistungsgesellschaft. Gerade was den weiblichen Körper angeht, geht das nicht nebenbei,  ist  Selbstbeherrschung und Aufopferung.  Das Schönheitsideal  verlangt viel ab, auch  den Männern.

Sind  schöne Menschen auch erfolgreicher?
Die Wissenschaft sagt ja. Schöne Kinder haben schon bessere Noten. Schöne  Menschen haben bessere Jobs, machen leichter Karriere. Schön meine ich  im Sinne von, was man ausstrahlt. Zufriedenheit, Selbstvertrauen.  Das hängt bei Frauen  viel stärker vom äußeren Erscheinungsbild ab als bei Männern.

Haben schöne Menschen auch schönere Partner?
Spannende Frage. Es gibt eine Untersuchung, bei der Männer an T-Shirts rochen, die Frauen unparfümiert getragen haben. Sie wussten nicht, welche Frau welches Shirt trug – und beurteilten dann  die Frauen. Und kaum zu glauben:  Es stimmte überein. Was die Männer gern rochen, gefiel ihnen auch.  Andere Untersuchungen zeigen, dass man schöne Männer zwar attraktiver findet, aber nicht als Partner will. Da will man lieber den sicheren Kandidaten und nicht den Attraktiven, der ständig  am Sprung ist. Schönheit ist aber nicht nur Äußeres. Attraktivität steigt durch Status vermutlich sogar mehr als durch Aussehen. Auch ein guter Job macht einen Mann „schöner“.

Was empfinden Sie persönlich als schön?
Ich bin jemand, dem es wichtig ist, dass er gepflegt ausschaut, aber ich schminke mich  nicht, habe mich nie geschminkt.  Das hat jetzt Vorteile, weil  mit zwei Kindern hätte ich keine Zeit dafür und dann wäre ich so eine Mutter, über die alle sagen: Jetzt hat sie geheiratet, Kinder und  lässt sich gehen (lacht).

Warum wollen wir alle unsere Jugend  konservieren?
Wir haben einen hohen Lebensstandard, wenig Entbehrung. Wir werden alt, fühlen uns aber nicht alt. Folglich wollen wir nicht alt aussehen – und können auch was dagegen tun.  Da geht es  um Schönheitschirurgie, aber auch um Ernährung, Bewegung, Lifestyle. Früher ging es darum, den Alltag zu bewältigen. Der war Raubbau am Körper.

Ändert sich der Schönheitsbegriff?
Das hängt davon ab, wo man lebt. Bei uns will jemand, der sich operieren lässt, dies auf möglichst natürliche Art. Das ist in Amerika anders. Dort ist das Prestige, Status – und man will, dass man das sieht.

Sind nicht wieder mehr Typen gefragt?
Selbst in der Modelszene gibt es eine gewisse Rebellion gegen das extreme Schönheitsideal. Was wir als schön empfinden, ist global gesehen mittlerweile sehr ähnlich.  Gleichmäßige Züge, symmetrische Formen –  das empfanden schon die Römer schön. Oder das Schlanke, Jugendliche. Das lockt  ewig. Früher schnürten sich die Frauen mit einem Korsett zu, heute machen sie es mit  Kompressionswäsche.

Überschreitet die  Schönheitsindustrie Grenzen?
Jeder Patient findet einen Schönheitschirurgen, der ihm macht, was er will. Wünsche werden geweckt durch Medien.  Wir in Österreich sind aber sehr gemäßigt, und der Grad ist schmal. Nehmen wir einen Fünfjährigen, der abstehende Ohren hat. Will er das operieren lassen, ist das eigentlich eine  Schönheits-OP. Sie wird aber von der Krankenkasse bezahlt, weil Kinder unter abstehenden Ohren leiden können. Es gibt Kinder, die kommen vor allem auf Wunsch der Eltern. Ich hatte einen Buben, der sagte: Ich will das nicht, weil ich finde, dass ich süß ausschaue, wie ein Zwerg von Schneewittchen. Da würde ich die OP nie machen.

Lisa Russe ist plastische Chirurgin im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Salzburg.

Schönheitschirurgen schießen  in Salzburg wie Schwammerl aus dem Boden.
Jeder kann sich Schönheitschirurg oder -mediziner nennen, weil es kein geschützter Begriff ist. Der Facharzt für plastische, ästhetische und rekonstruktive Chirurgie ist ein Arzt, der gelernt hat, diese Operationen zu machen. Aber es gibt Kieferchirurgen, die Fettabsaugungen oder Bauchdeckenstraffungen machen in Salzburg. Und Faltenunterspritzungen oder Botox übernehmen schon  Hausärzte.

Es wird also  künstliche Nachfrage geschaffen?
Ja. Ich habe aber nicht das Gefühl,  dass die Nachfrage extrem steigt.  Bei Frauen dominiert die Brust, bei Männern Haartransplantationen. Fettabsaugungen und Lid-Operationen sind  bei Männern und Frauen gefragt.

Würden Sie sich selbst unters Messer legen?
Eine Lid-Operation würde ich machen lassen. Wenn  die Haut stark hängt, mein Sehen beeinträchtigt ist und ich mich müde fühle, ist das ratsam. Die Operation dauert 20 Minuten.

Und die Schmerzen?
Da ist jeder anders. Aber wie sagt man so schön: Schönheit muss leiden (lacht). Viele leiden schon vor der OP – am Schönheitsideal. Deshalb ist es so wichtig, dass man vor einem Eingriff alles seriös bespricht.  Und als Arzt nicht davon abhängig ist, alles machen zu müssen. Jungen Frauen, die sich die Brust vergrößern, muss bewusst sein, dass es Zusatz-OPs geben kann, auch Zusatzkosten.

Aber Schönheit ist kein rein weibliches Thema mehr?
Es lassen sich deutlich mehr Frauen operieren. Die haben größeren Druck und, wenn man ehrlich ist, den schöneren Körper.  Männer sind aber teils viel eitler. Nasenoperationen etwa lassen viel öfter Männer machen.

Auch Salzburg ist  schön.
Ich komme aus Innsbruck und sage immer: Innsbruck liegt so  schön in  einmaliger Umgebung. Salzburg aber ist  wirklich schön.

Macht Schönheit  träge?
Nein, Schönheit verlangt viel ab, und ist vergänglich. Bei der Stadt ist es genauso.  Viele müssen anpacken, damit sie schön bleibt.

Was ist nicht so schön in Salzburg?
Draußen an der Peripherie ist es zersiedelt, gibt es hässliche Gewerbegebiete – und so  viel Verkehr. Ehrlich: Da bekomme ich Falten, das kostet mich Lebensjahre. Du steckst überall im Stau. Es gibt kaum Ausweichmöglichkeiten, jeder muss pendeln und der öffentliche Verkehr ist schlecht ausgebaut. Da ist Innsbruck deutlich weiter. Dieses extreme Aggressionspotenzial im Verkehr kenne ich nur von Salzburg. Mein Mann wurde am Radweg schon zwei Mal niedergefahren.

Schätzen wir die Schönheit der Stadt genug?
Wir sind so verwöhnt, dass wir immer schwerer zu beeindrucken sind. Selbst im Urlaub: Wir kennen so viel aus dem Fernsehen, dass wir uns vor Ort um den Wow-Effekt bringen.  Manchmal sind es  gerade Kleinigkeiten,  ein Sonnenaufgang, ein Meeresblick, wo man dann sagt: Wie schön!

Schön ist also das Unerwartete?
Ja,  schade irgendwie.  Es kommen Menschen  zu uns und sagen: Ich bin  baff, wie sauber die Straßen sind. Für uns ist das  aber  selbstverständlich. Was mir – meist im Stau – aber auffällt: Wie schön die Stadtgärtner in Salzburg  die Kreisverkehre gestalten.

Zur Person:

Lisa Russe ist Tirolerin, startete ihre Ausbildung in Innsbruck und beendete sie in  Salzburg. In ihrer Babykarenz nahm sie an einem Forschungsprojekt in den USA teil, wo es um spezielle Hauttransplantationen ging. Dort entdeckte sie auch  die Migräne-Chirurgie. In Boston konnte sie  eine spezielle OP-Technik  erlernen. Sie  arbeitet  im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder als plastische Chirurgin.

von Sigrid Scharf