Salzburg: Der Dom als letzte Schönheit?

Die barocke Stadt braucht kühnes Neues, sagen Vorreiter.

Salzburgs Altstadt ist millionenfach fotografiertes und sattsam genutztes Weltkulturerbe. Der Dom als Festspiel-Kulisse und barocker Mittelpunkt wäre unter dem heutigen Bauregime allerdings    nicht entstanden. 

Zu ausladend sind die Dimensionen:  82 Meter hohe Türme, ein 101 Meter langes Hauptschiff und das Geläut von sieben, 32 Tonnen schweren Glocken, das  als eines der schönsten im süddeutschen Raum gilt. Zum Glück wurden Salzburgs  Erzbischöfe in Rom  ausgebildet – beeindruckt vom Prunk und der Gloria des Vatikans ließen sie den italienischen Architekten Santino Solari den Dom und das Lustschloss Hellbrunn erbauen.

Was ist „scheußlich“?

Der Mythos von Salzburg als einer der schönsten Welt-Gegenden ist heute die Geschäftsgrundlage ganzer Wirtschaftszweige und wird auch von der Bürgerschaft mit Inbrunst verteidigt, auch wenn der Massentourismus mitunter  nervt. Man möchte bewahren, was oftmals zerstört wurde. Der Dom und die Stadt brannten im Lauf der Jahrhunderte mehrfach  nieder – 1167 übrigens im Zuge eines Religionskriegs, bei dem  südbayerische  Familienclans (die späteren „Grafen vom Plain“) die Stadt und die Festung verwüsteten. 1944 legten Bomben  das Kaiviertel und den Bahnhof in Schutt und Asche. Ende der 1970er-Jahre  hätten Spekulantentum und eine Politik ohne jegliches Ästhetik-Gefühl der berühmten Kulturlandschaft fast den Garaus gemacht: Die Stadtautobahn und der Siedlungsbau an der Hellbrunner Allee wurden verhindert. Bis heute regt sich wütender Anrainerprotest, wenn wieder einmal etwas „Unmögliches“ und „Scheußliches“ geplant wird. Laut einem Bonmot reagiert man in Salzburg auf Bauprojekte wie auf ein Atomkraftwerk.

„Dort müssen Spargel hin“

So blieb aber auch das kühne Neue auf  der  Strecke. Der Salzburger Architekt Robert Wimmer kann ein Lied davon singen. Wimmer plante 2009 im Zuge des Ideenwettbewerbs für ein neues  Bahnhofsviertel ein 100 Meter hohes Gebäude auf einer kleinen Baulücke nördlich der Fanny-von-Lehnert-Straße. Die Lokalbahn wäre überdacht worden. Das Projekt platzte, „weil die  Stadtplanung meinte, da müssen Spargel hin“, so Wimmer. Womit nicht Gemüse, sondern schlanke, hohe Baukörper gemeint waren.

Dieses Hochhaus-Projekt an der Fanny-von-Lehnertstraße platzte. Die Politik nervte den Bauträger. Bild: WzA

„Man traut sich nicht“

Wimmer plante abermals  und konzipierte am benachbarten Bauplatz einen dreiseitigen, hoch aufragenden Baukörper (siehe Bild links). Ein Wiener Bauträger wollte die leerstehenden, verrottenden ÖBB-Häuser durch ein Wohnhaus mit kleinen, bezahlbaren Eigentumseinheiten  ersetzen. Dieses architektonisch mutige Projekt wurde von Bürgermeister Heinz Schaden versenkt, weil er auf dem vorgeschriebenen Anteil von 20 Prozent geförderten Mietwohnungen bestand. Was der Bauträger nicht wollte. Jetzt entsteht dort ein weiteres Lowbudget-Hotel in Form eines  pummeligen, weißen Bauwürfels. Es sei mühsam, auch in unternehmerischer Hinsicht,  sagt Wimmer: „Der Wunsch der Stadtplanung nach Hochhäusern ist eine Illusion. Man traut sich nicht. Und selbst wenn die Politik einmal mutig wäre, wird sie von der beamteten Planung gestoppt, die aus der sicheren Position heraus immer mitbestimmt.“

Diktat des Sozialwohnungsbaus

Auch Baustadtrat Johann Padutsch hätte der Dreiecksbau gefallen, wie er sagt. „Man braucht dort nicht wirklich geförderten Mietwohnungsbau. Das Klientel, das dort gekommen wäre, Menschen des Mittelstands und junge Leute, das hätte dem Stadtteil gut getan.“ Der Wiener Bauträger hat das Objekt inzwischen an einen Investor aus Hamburg im Baurecht abgetreten. Der wollte die Salzburger Hochhausgrenze von 25 Metern nicht überschreiten,  da er sonst massive Auflagen gehabt hätte, so Padutsch.

Deprimierende Schachtelbauweise

Gebaut wird nur noch im Bauhaus-Stil, vier Wände, ein Deckel, Fenster. Selbst Axel Wagner, Obmann des als konservativ geltenden  Stadtvereins, findet die eintönige „Schachtelbauweise deprimierend. Alles schaut gleich aus.“ Seine hässlichste Ausprägung findet der Stil in den Beton-umrahmten, flachen Schuhschachteln (Supermärkte)  an den ausfransenden Siedlungsrändern. Die Handelskonzerne stießen  damit bereits  überall  auf Widerstand, weiß  Johann Padutsch. „Wir überbauen das  mit Wohnungen  und verlegen die Parkflächen in Tiefgaragen.“ Und gegen die trostlose Verschandelung der Landschaft durch Abertausende Werbeträger scheint vorerst sowieso kein Kraut gewachsen.

Sonja Wenger

Die Autorin ist erreichbar unter sonja.wenger@svh.at

 

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