Mutter Natur hat uns so gesegnet

Ob am eigenen Körper oder in der Landschaft: Wir doktern  herum und setzen  gedankenlos viel aufs Spiel.

Der Dom und die bauliche Pracht in der Altstadt: Sie könnten heute unmöglich entstehen. Der Gestaltungsbeirat, zig Meinungen in der Politik, noch mehr von Experten, dazu Anrainer und Grundbesitzer: Das wäre undenkbar.  Auch deshalb gibt Salzburg  abseits der historischen Altstadt heute ein zuweilen unansehnliches Bild ab.

„Großes“ wächst am ehesten noch draußen am Land. Eine mächtige Gondelbahn, eine 380-kV-Leitung, ein großes Gewerbegebiet: Vielleicht nötig, aber auch alles andere als ansehnlich. Und vor allem: Oftmals total unsensibel und katastrophal geplant.

Wer mit unberührter Natur und Schönheit derart gesegnet ist wie Salzburg läuft offenbar Gefahr, diese Schönheit nicht mehr zu sehen, sie nicht mehr ausreichend zu würdigen und sie gar fahrlässig aufs Spiel zu setzen. Das Schöne, Unberührte braucht dringend eine Lobby im Land. Nicht Bürokraten, die mit kleinlichen Vorschriften jedes Verfahren blockieren, sondern Gestalter, die das große Ganze und den Wert von Schönheit und Unberührtheit im Auge haben. Wäre dies der Fall, würde das Land nicht so viel von seiner Pacht schon geopfert haben.
Man muss aber gar nicht in die Politik, zu den Eliten schweifen, um das Grundproblem zu erkennen. Wir müssen uns selbst bei der Nase nehmen. Was wir nicht alles unternehmen, um das Natürliche, Gewachsene, Authentische an uns selbst ständig in Frage stellen.  Gerade wenn es um unseren Körper geht. Ist der Bauch zu groß, die Brust zu groß oder klein, hängt das Lid, ist die Nase schief,  bilden sich Falten – flugs steht  das Messer im Raum. Da wird auf Teufel komm raus rumgedoktert und geschnipselt. Und selbst wenn das Ergebnis kurzfristig „schöner“ ist: Was ist in fünf Jahren? Wieder operieren? Und letztlich ein unnatürliches Äußeres riskieren, das zwar glattgebügelt, aber ohne jeden Charakter, ohne Lebenskraft ist?

Wie arm eigentlich! Die Gesellschaft braucht wieder Mut zum Unberührten, Gewachsenen. Am eigenen Körper wie in der Natur. Dieses Sensorium zu schärfen, ist ein Gebot der Stunde. Dafür kann man keine Gesetze erlassen, jeder kann es sich aber bewusst machen – und danach handeln.

Der Autor ist erreichbar unter hermann.froeschl@svh.at