„Muss man nackert auf der Bühne rumhüpfen?“

Julia Gschnitzer, Grande Dame der Bühne, über das Leben und was es braucht.

Kammerschauspielerin Julia Gschnitzer wohnt in einer Gemeinde nahe Salzburg – dieser „traumhaft schönen Stadt“, wie die 85-Jährige im SF-Gespräch sagt. Salzburg habe sie schon als Kind fasziniert, seit sie den Blick vom Schloss Mirabell auf die Festung und die Kulisse der Altstadt genossen habe. 

Ihre Großeltern wohnten in den 1930er-Jahren in jenen Räumen, die heute Amtssitz des Bürgermeisters sind (das Schloss war damals ein Wohnhaus). Die in Innsbruck aufgewachsene Tochter eines Akademikerpaars wollte   schon als kleines Kind „Spielerin“ werden – sie wurde eine gefeierte,  große Darstellerin, die erst im Vorjahr ihren Abschied von der Bühne nahm. Noch mit 81 spielte Julia Gschnitzer die Mutter des Jedermann, im weißen Kleid mit ein wenig rotem Lippenstift, immer noch eine schöne, anmutige Frau.

„Schön ist, was meine Seele berührt“

Was macht  für die Künstlerin  Schönheit aus? „Schön ist, was meine Seele berührt. Es ist unbedingt mit dem Inneren verbunden“, antwortet die Schauspielerin spontan. Das könne ein Sonnenuntergang  sein, ein Mondaufgang, die Augen eines Menschen.  Die blanke, pure Schönheit  bewundere sie zwar, „aber sie lässt mich trotzdem kalt“, sagt die 85-Jährige. Und ihre eigene Schönheit? „Um Gottes Willen!“, wehrt sie ab.  Ja, als junge Frau,  habe sie das „mitunter“  so empfunden. Und oft habe  man ihr „schönes Spiel“ gelobt.  Das alles sei jedoch eine bestimmte Aura, eine Ausstrahlung und habe nichts mit  Äußerlichkeit zu tun.

Der Verlust der Scham

Eine unschöne, ja eigentlich deprimierende Zeiterscheinung sieht Julia Gschnitzer im  Nacktheitswahn, der in die Medien, die Werbung, das Theater eingezogen sei. „Ist das wirklich interessant oder tiefsinnig, dass man pudelnackert auf der Bühne herumspringt?“, fragt Gschnitzer. Sich von sinnentleerter Entblößung abgestoßen zu fühlen, habe nichts mit Prüderie zu tun, meint die Schauspielerin – das Pendel der Freiheit habe nur zu weit ausgeschlagen (Sigmund Freud bezeichnete den Verlust der Scham als Anzeichen von „Schwachsinn“). Als blutjunge Anfängerin habe sie  einmal einen Pagen gespielt, der ein Kissen trägt und die Bühne quert. „Ich war ein junges Mädchen, gerade und gut  gewachsen, und hatte nur so ein Pumphöschen und ein Trikot an. Wie habe  ich mich geniert, meine Beine zu zeigen! Das war damals  so, heute lach’ ich darüber.“ Selbst viele Jahre später, als jugendliche Liebhaberin am Wiener Volkstheater blieb Julia Gschnitzers Aura „natürlich, seriös, sauber. Die sexy Hexi, das war ich nicht.“ Nur einmal, als sie eine Gangsterbraut mit Perücke und Minikleid spielte,  entfuhr es einem Regisseur: „Zum Donnerwetter, Sie sind ja eine tolle Frau! Warum verstecken Sie das immer?“ Worauf die Gschnitzer nur kurz erwiderte: „Weil das niemanden was angeht.“ Heute würde eine solche Verweigerung auf Unverständnis stoßen, sagt Julia Gschnitzer.

Schönes Deutsch

Julia Gschnitzer ist berühmt für ihr tragendes, extrem gut zu verstehendes Bühnen-Deutsch. Privat redet sie im erdigen Tiroler Dialekt, wobei die Stimme tiefer, dünkler wird. Dieser „heftige Dialekt“ sei anfangs ein echtes Problem gewesen, erzählt die Kammerschauspielerin. Es irritierte sie,  Hochdeutsch zu  sprechen, „es war wie eine Fremdsprache.“ Später erarbeitete sie sich klassische Rollen, indem sie den Text im Dialekt sprach – und so den richtigen Ton fand. Schauspielunterricht nahm Julia Gschnitzer bei Traute Foresti  in Innsbruck, die auch die schönen Sprechstimmen von Axel Corti, Walter Reyer, Ernst Griessemann oder Rudolf Strobl formte.

„Ich war unmöglich“

Heute gibt Julia Gschnitzer selbst Unterricht in Innsbruck. Jungen Menschen rät sie, aus der Reihe zu fallen, wie sie das immer getan habe. „Ich war nicht die beste Schülerin, ich ging mich vorstellen, nie geschminkt, nie hergerichtet, ich redete mit Direktoren und Agenten im tiefsten Dialekt. Ich war eigentlich unmöglich und irgendwie naiv“, räsoniert die 85-Jährige. Ihr Feuer und ihr Mutterwitz haben  sie weit gebracht.  Schon ihr Vater sagte zu ihr, als sie 16 war: „Deine besten Zeiten wirst du als komische Alte haben.“ Die Eltern seien für   die sieben Kinder  immer da gewesen, hätten jeden sich entwickeln lassen. Das erdet und trägt. Und jetzt, im Alter, was ist schön am Ende?
„So lange man gesund ist, ist es wunderschön“, sagt Julia Gschnitzer. „Man steht schon ein bisschen über den Dingen, kann zurückschauen auf ein langes Leben, mit dem ich sehr zufrieden war und bin. Jeder Tag wird  zu einem Geschenk.“

Sich positiv einstellen

Im vorigen Winter ging es ihr gesundheitlich nicht gut.  „Da sagte ich mir: Zum Teufel, wie wird das? Wie werde ich das aushalten?“ Die Rückenprobleme vergingen, die Schmerzen sind weg.  Julia Gschnitzer: „Ich kann mich bewegen, ich kann auf einen Berg gehen und  ins Theater, ich fahre mit dem Auto, habe Freunde.   Vielleicht habe ich auch instinktiv immer begriffen, dass man sich positiv einstellen muss. Die Leute sagen, das   strahle ich aus, das geht von mir weg. Aber das ist kein Verdienst. Das ist ein Geschenk, eine Gnade. Und das ist schön.“

Sonja Wenger

Die Autorin ist erreichbar unter sonja.wenger@svh.at