Mamas, lasst euch Zeit!

Es ist eine Gegenbewegung zum Fitnesswahn, der Jungmüttern zusetzt : Das Konzept „Gemeinsam durch dick und dünn“ einer Flachgauer Physiotherapeutin.

Eine junge Frau  plumpst vom Liegestützstand bäuchlings auf ihre Turnmatte. „Oh, ich habe das Atmen vergessen“, sagt sie lachend und verschnauft erst einmal.   Schauplatz ist der „King Kong“-Fitnessclub am Ende eines Hinterhofes im Gewerbegebiet Salzburg-Sam. Zwischen einer  Spiegelwand und zwei „Pole-Dance“-Stangen trainieren  hier Montagvormittag nicht Kraftprotze oder Tänzerinnen ihre Muskeln, sondern acht Mütter, deren Babys durch den Fitnessraum krabbeln. Nachdem die acht Frauen im Vierfüßlerstand wechselweise Arme und Beine von sich strecken und wieder anziehen, gibt es drei Minuten Pause. Für die Babys wird ein Lied gesungen, sie glucksen fröhlich. Dann ist das Theraband an der Reihe, das sie vor dem Bauch und dann hinter dem Rücken auseinanderziehen – langsam und in schonender Weise.

Druck: „Schön und schlank“ gleich nach der Entbindung

„Zieht den Bauchnabel hoch, geht in die aufrechte Haltung“, erklärt Trainerin Simon Ebner (32), Gründerin des Betreuungskonzepts „Gemeinsam durch dick und dünn“. Die in Straßwalchen lebende Physiotherapeutin und Beckenbodentrainerin hat hier das Kommando.  Ihr „Fit dank Baby“-Kurs ist eine Gegenansage zum gewaltigen Fitness- und Schönheitsdruck, der auf Jungmamas lastet. Die Kursleiterin erzählt von einer Jungmama, die  weinend geklagt habe, sie kriege ihren Bauch nicht weg. „Sechs Wochen nach der Geburt ihres Kindes!“, sagt Ebner entrüstet.   Dafür brauche es viel mehr Zeit – sechs Monate oder noch  mehr. Ganz viele, gerade entbunden habende Frauen fragten sie zuallererst: „Wann darf ich die Fitnessstudio-Übungen  wieder machen?“ Die seien aber vorerst tabu, genauso wie Joggen oder Sit-ups. Wer zu früh oder falsch trainiert, riskiert schwere Folgen bis hin zur Inkontinenz, warnt die Beckenbodentherapeutin.

Mütter wegen zu frühen Joggings inkontinent

„War das Joggen drei Monate nach der Geburt zu früh?“, fragen sogar 25-jährige (!) Frauen, die plötzlich Urin verlieren. Ebner, selbst zweifache Mutter, macht das betroffen. Mit ihren „mamagerechten“ Trainings will sie gegensteuern: „Ich will Mamas Mut machen, dass sie Zeit haben und mit Bedacht das Training auswählen.“
Susanne Dancs hat das getan. „Ich will mich wieder wohlfühlen“, begründet die Mutter der neunmonatigen Jana, warum sie hierher kommt. Werbung und Medien gaukelten ein Scheinbild vor, so die Salzburgerin: „Die Frauen in der Werbung sind aufgebrezelt wie Puppen und geben sich topfit, auch wenn sie ganz kleine Kinder haben. Das nervt.“

Zweite Geburt: „Jetzt stresse ich mich nicht mehr.“

Ins selbe Horn stößt die neben ihr trainierende Michaela Macheiner. „Heidi Klum präsentiert sich gleich nach der Geburt  flachbauchig, als wäre nichts gewesen“, so Macheiner. Mit  Magdalena (zehn Monate) kommt sie ins Training, um sich wieder „eins“ mit ihrem Körper zu fühlen.
Ganz auf die  „Problemzonen“ verzichten wollen die Teilnehmerinnen aber auch in diesem Kurs nicht. Bauch, Beine, Po werden hier mitgekräftigt – neben Beckenboden, Rücken und Haltung.  Auf einer geheimen Facebookseite motivieren sich die Teilnehmerinnen gegenseitig. Ausdrücklich nicht erwünscht sind dort Vorher-Nachher-Bilder.
Michaela Macheiner hat sich beim ersten Kind noch unter Druck setzen lassen, schön und fit sein zu müssen.  Die Mutterschaft und die Geburt der kleinen Magdalena hat sie gelassener gemacht. Macheiner: „Jetzt stresse ich mich nicht mehr.“

Sabine Tschalyj

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