„Selbstfahrende Autos lösen keine Probleme“

Viel war zuletzt von autonomen Bussen und selbstfahrenden Autos die Rede. Was für viele nach Zukunftsmusik klingt, gehört für die von Birgit und Andreas Kuhn gegründete Technologie-Schmiede Andata zum Alltagsgeschäft.

Als Allheilmittel wird die Automatisierung des Verkehrs dort nicht gesehen. „Allein dadurch, dass man automatisierte Fahrzeuge auf die Straßen stellt, löst sich kein Verkehrsproblem“, sagt Andreas Kuhn. Mit 20 Mitarbeitern arbeiten die Kuhns an ihren Standorten in Hallein und Wien nicht nur an der Automatisierung der Autos, sondern auch an Modellen zur intelligenten Steuerung des Stadtverkehrs. Mithilfe des von den hauseigenen Ingenieuren entwickelten Systems Veronet soll es möglich werden, Staus und Kollisionen bereits im Vorfeld zu verhindern. „Wir wollen künstliche Intelligenz so weit bringen, dass sie Erkenntnisse unmittelbar umsetzt und aus Fehlern sofort lernt. Wir sind sehr nahe an der Umsetzung“, sagt Kuhn.

Allerdings brauche es auch Strukturen und organisiertes Vorgehen der Behörden, um intelligente Verkehrssteuerung voll zu nützen. „Aktives Verkehrsmanagement in Städten ist in Österreich bisher leider kaum existent“, sagt Kuhn. Erste Pilotprojekte laufen in Hallein sowie in Wien, wo ein Testfeld für funktional intelligente Kreuzungen entsteht. „Die Behörden sollen mit technologischer Unterstützung besser entscheiden können, was sie für ihre Stadt wollen. Das liegt in ihrer Souveränität und muss auch dort bleiben“, so Kuhn. Die Automatisierung sei eine Chance für das Verkehrsmanagement. „Wie der Name schon sagt, braucht es aber jemanden, der aktiv managt.“

Zentral ist dabei das Zusammenspiel von Sicherheit, Komfort, Verkehrseffizienz und Verkehrseffektivität. „Diese Parameter stehen aber miteinander in Konflikt“, so Kuhn. „Mehr Sicherheit bedeutet in letzter Konsequenz weniger Effizienz. Mehr Komfort läuft unter Umständen auf weniger Effektivität hinaus.“

Am Beispiel selbstfahrender Autos erklärt Kuhn: Die Notwendigkeit eines defensiven Fahrverhaltens autonomer Fahrzeuge könnte bewirken, dass diese den Verkehrsfluss behindern und andere, nicht automatisierte Verkehrsteilnehmer dieses defensive Verhalten zu ihren Gunsten nützen. „Verkehr ist leider keine rationale und kooperative Veranstaltung. Bei sehr defensivem Fahrverhalten wird man in der Regel nach hinten durchgereicht. Man benötigt dann ein gewisses Maß an Aggressivität und Mut, um sich durchzusetzen.“

Fest steht: Die Automatisierung kann unser Verhalten im Straßenverkehr verändern – zum Positiven wie Negativen. Während selbstfahrenden Autos kooperatives Verhalten aufgezwungen werde, sei unklar, ob auch der Mensch so handeln wird. „Wenn ich weiß, dass der autonome Bus stehen bleibt, wenn ich die Straße betrete, verhalte ich mich vielleicht aggressiver.“

Der Erfolg des automatisierten Fahrens hänge vom interaktiven und kooperativen Verhalten der Verkehrsteilnehmer ab. „Dieses Problem können auch unsere Ingenieure nicht lösen“, sagt Kuhn. Um das Agieren der menschlichen Verkehrsteilnehmer ausreichend in ihren Berechnungen zu berücksichtigen, arbeitet Andata im Rahmen des Projekts WienZWA (Zukunft wird automatisiert) eng mit Verkehrspsychologen des Kuratoriums für Verkehrssicherheit zusammen.

„Es muss sich niemand fürchten, dass uns bald die Roboter beherrschen“ – Andreas Kuhn

Wann tatsächlich selbstfahrende Autos die Straßen bevölkern werden, ist auch für Kuhn unklar. Mit Rückschlägen sei weiter zu rechnen. „Tesla verzeiht man im technologie- und wirtschaftsaffinen Amerika Fehler und auch einen Toten. Wenn aber Audi, BMW oder Mercedes Unfälle mit Toten produzieren würden, wäre das Thema wohl um Jahre zurückgeworfen.“

Angst vor automatisierten Fahrzeugen brauche man aber nicht zu haben. „Die etablierte Autoindustrie nimmt das Thema sehr ernst.“ Nicht ohne Grund verspreche man sich von der Automatisierung weniger Unfälle. Jedenfalls werde der Mensch die Kontrolle darüber behalten, was Autos machen. „Es muss sich niemand fürchten, dass uns bald die Roboter beherrschen.“

Der Autor ist erreichbar unter thomas.struebler@svh.at