„Schaut in meine Augen. Wie ich das Leben liebe“

Sie kommt von einem Bauernhof im Pinzgau und eroberte mit ihrem Rollstuhl das ganze Land. Marianne Hengl  hat mit „RollOn Austria“ die stärkste Lobbygruppe für beeinträchtigte Menschen im Land aufgebaut. Und wird ungemütlich, wenn Ärzte zu Abtreibung raten oder Politiker nicht handeln.

Frau Hengl, wir machen gerade ein Sonderheft über Mobilität. Was fällt Ihnen spontan dazu ein?
Gott sei Dank gibt es meinen elektrischen Rollstuhl, der ziemlich schnell geht und mit dem ich überall herumflitzen kann, wo ich hin muss.

Wie sehr haben Sie mit Ihrer Beeinträchtigung von Geburt an  unter mangelnder Mobilität gelitten?
Ich passe mich seit meiner Kindheit Gegebenheiten an. Ich fühlte mich auch wohl, als ich noch keinen Rollstuhl hatte und  am Boden herumrutschte.  Natürlich dachte ich mir öfter, es wäre schön, wenn ich irgendwo rauf gehen könnte. Aber ich habe trotz eingeschränkter Mobilität Wunderbares erlebt. Unter anderem auch, weil ich jetzt ein Auto mit einer Rampe besitze –  das bedeutet Freiheit.

Heute ist im Leben Geschwindigkeit das Um und Auf. Jeder will noch schneller sein.
Da fühle ich mich selbst betroffen. Ich bin eine Schnelle, Ungeduldige. Alles geht mir zu langsam.  Aber jetzt muss ich etwas  runter vom Gas.  Im Jänner bekam ich die Diagnose Brustkrebs.  Ich habe den Knoten selbst entdeckt, Gott sei dank in einem frühen Stadium, und ich werde jetzt bestrahlt. In dieser neuen Lebenserfahrung hilft mir mein Gottvertrauen und der Umstand, dass ich ein  sehr positiv denkender Mensch bin. Viele fragen mich: „Spielst du das?“, und das ärgern mich. Denn trotz schwerer Beeinträchtigung war ich fast immer voller positiver Energie. Das hilft mir auch jetzt.

Wie steckt man solche Schicksalsschläge weg?
Das Wort mag ich gar nicht. Genauso wie die Frage: Hast du dich nie gefragt, warum ausgerechnet du? Wenn ich rundherum  schaue, was Menschen alles mitmachen müssen, ist mein Kreuz doch ein sehr kleines.

Kann man lernen, mit  Rückschlägen  umzugehen?
Ja, aber da spielt das Naturell eines Menschen eine große Rolle. Ich war stets ein Stehaufweibchen. Meine Mama erzählt mir immer wieder die Geschichte, als ich mit acht Jahren am Boden saß und zu ihr sagte: ,Du, ich möchte einmal eine besondere Frau werden.’ Ich habe mein Leben immer als besonders empfunden. Umso mehr trifft es mich, wenn Menschen, die eigentlich alles haben, mit ihrem  Leben hadern. Aber auch diese Haltung muss man  akzeptieren und anerkennen.

Das mit der „besonderen Frau“ ist ja wahr geworden. Sie sind heute österreichweit bekannt als Botschafterin für Menschen mit Beeinträchtigung,   initiieren TV-Sendungen, spannen Prominente für die gute Sache ein. Macht Sie das stolz?
Ich bin nicht stolz drauf, überhaupt nicht. Ich bin froh und dankbar, dass mir einiges geglückt ist. Und die Menschen, die im Rampenlicht stehen, lade ich ein, weil sie  als Botschafter ein Zeichen setzen können: Sie solidarisieren sich mit uns, zeigen, dass sie uns schätzen. Viele ändern tatsächlich ihre Denkweise,  wenn ihr Idol zum Umdenken anregt.
Leider habe ich aber nicht nur positive Erfahrungen mit bekannten  Persönlichkeiten gemacht. Viele versuchen auch, diese Bühne zu missbrauchen. Aus diesem Grund bin ich extrem vorsichtig geworden und setze nur noch auf jene, denen das Thema wirklich wichtig ist.

Wer zählt dazu?
Hansi Hinterseer fällt mir spontan ein. Es war sein Wunsch,  mit „RollOn“ zu arbeiten. Wie er auf behinderte Menschen zugeht, sich ihren Anliegen widmet, ist außergewöhnlich. Er ist sehr authentisch, das kommt  wirklich von Herzen.

Der Umgang mit Menschen mit Beeinträchtigung fällt vielen schwer. Was wünschen Sie sich da?
Ich würde das umgekehrt sehen. Ich würde mir ab und zu mehr Engagement meiner Kolleginnen und Kollegen  wünschen. Wir müssen  unbedingt gemeinsam auf die Menschen zugehen und ihnen ganz unbefangen die Berührungsängste nehmen. Durch aufdringliche Blicke  fühlen sich viele Menschen mit Beeinträchtigung  belästigt. Ich sage immer, wenn mich jemand extrem anschaut: ,Bin ich Ihnen peinlich? Sie mir nicht.’ Danach entstehen oft die nettesten Gespräche und der Bann ist gebrochen.

Was war der größte Erfolg Ihrer Arbeit?
Da ist zuerst einmal das brillante Netzwerk, das uns unterstützt und seit 27 Jahren unsere Arbeit ermöglicht. Da sind aber auch sehr viele persönliche Erlebnisse: Es kommen immer wieder werdende Mütter zu mir, die ein behindertes Kind erwarten. Die Ärzte machen Druck, abzutreiben, weil viele der Meinung sind, ein behindertes Kind sei ein Schadensfall. Ich sage dann immer: ,Ich kann euch die Entscheidung nicht abnehmen. Aber schaut in meine Augen. Wie ich das Leben liebe.’ Und dann gebe ich ihnen eine Mappe der Lebensfreude mit. Drinnen sind  eine Serie meiner TV-Sendung „Gipfel-Sieg“, das Schmuckstück  Natasha – ein Engel mit nur einem Flügel – als Symbol für beeinträchtigtes  Leben. Den habe ich mit Swarovski entwickelt. Und wenn ich dann Monate später eine Nachricht bekomme: Unsere Hannah, unser Felix ist geboren! Da kann ich mein Glück kaum fassen und weiß:  Was ich hier tue, hat einen Sinn.

 Woran arbeiten Sie gerade?
Eines meiner Projekte ist,  Müttern und Vätern, die ein behindertes Kind haben, eine größere Plattform zu geben, damit sie ihre Ängste und Sorgen artikulieren können. Viele verzweifeln daran, weil nötige Unterstützung fehlt und jedes Bundesland andere  Rahmenbedingungen hat. In Salzburg etwa gibt es bis heute nicht die Möglichkeit einer persönlichen Assistenz für Menschen mit Beeinträchtigung. Somit ist es sehr schwer, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Ich muss den aktuellen Soziallandesrat Heinrich Schellhorn trotzdem loben. Ich  habe in Salzburg in den vergangenen Jahren kaum einen Politiker erlebt, bei dem ich das Gefühl hatte, da geht diesbezüglich was weiter. Schellhorn schätze ich sehr und deshalb bin ich auch  überzeugt, dass die persönliche Assistenz in Salzburg bald kommen wird.

Welchen persönlichen Wunsch haben Sie?
Mein Herz hängt extrem an meiner Familie im Pinzgau, auch weil ich als Kind wegen meiner Behinderung sehr viel weg war von Zuhause. Ich rufe fast jeden Tag meine Eltern an, und mein größter Wunsch ist, dass sie noch lange bei uns sind, weil ich sie brauche und unbeschreiblich liebe.

Und welche Berühmtheit steht noch auf Ihrer Liste? Wen wollen Sie  treffen?
Ich möchte mit all meinen „Engeln“, die mein Leben, meine Arbeit so bereichern, zum Papst nach Rom fahren – sein Vergelt’s Gott an sie wäre ein großes Geschenk  für mich.