Legt Hand an!

Mehr und mehr Information ins Gehirn zu stopfen, führt in die Irre. So wächst eine neue Sehnsucht.

Instinktiv spüren die Menschen: Es braucht Ausgleich zur Maximalgeschwindigkeit, die uns der Alltag aufzwingt. Deshalb handeln sie – oder besser: greifen zu. „Ja, da ist Beachtliches in Bewegung gekommen“, sagt Nicole Slupetzky, stellvertretende Leiterin der Volkshochschule. Was früher höchstens eine Nische in ihrem Kursprogramm besetzte und teils belächelt wurde, ist heute stark gefragt: töpfern, malen, zeichnen,  schreiben, fotografieren.

Gemeinsam ist all dem:  Man braucht dafür die Hände, muss sich auf diese eine Sache konzentrieren, ist kreativ – und hat am Ende ein sehr persönliches Werk geschaffen.  Jung wie Alt würden sich neuerdings dafür begeistern. Ihr kuriosestes Angebot? „Meditatives Zeichnen“, sagt Slupetzky.  Da zeichnen die Teilnehmer Schaubilder,  ähnlich Mandalas, die bei uns viele Körper als Tattoos zieren und  im Buddhismus magische Bedeutung haben.

Aber warum fördert Handarbeit die geistige Fitness?  Die Sinne Hören und Sehen seien beim Menschen sehr stark, so Slupetzky.  „Dauerhaftes Wissen funktioniert am besten über die Hände.“ Zudem könne man beim Töpfern oder Zeichnen nicht fünf Sachen gleichzeitig machen. Und es seien Fähigkeiten gefragt, die im Alltagsstress verloren gingen: auf eine Belohnung warten können, kreativ sein dürfen, geduldig sein, sich Zeit nehmen,  bei sich  sein – oder den Blick schärfen.  Deshalb boomt auch Fotografie.

Die Anforderungen an geistige Mobilität werden derzeit ohnehin auf den Kopf gestellt. Multitasking, also mehrere Sachen gleichzeitig erledigen zu können, ist als schädlich für das Gehirn entlarvt. Permanent Reizen ausgesetzt zu sein, das Gehirn ständig zu fordern, führt zu Erschöpfung. So wachsen Gegenentwürfe. Stichworte wie Meditation, Bewegung, Yoga fallen. Da wird der Geist angeregt, da ist man auf sich selbst  konzentriert. Raus in die Natur, Kraft daraus schöpfen. Das rät auch Wifi-Chefin Renate Woerle-Vélez Pardo.

Übrigens:  Im Alter genügt es nicht,  zu rätseln oder Sudokus zu lösen. Slupetzky empfiehlt, Sprachen zu lernen: „Das ist das beste Gehirntraining.“ Das  gilt  übrigens für alle Generationen. Also: Auf in den Sprachkurs.

Der Autor ist erreichbar unter hermann.froeschl@svh.at