„Lass das, das ist gacka!“

Letztens bin ich mit meinen Kindern einen Weg von ungefähr 500 Metern zu Fuß gegangen – und habe tatsächlich geglaubt, ich könnte in zehn Minuten pünktlich da sein. Haha. Hahaha! Wie so ein blutiger Anfänger.

Dazu muss man aber sagen: Als erfahrenes Muttertier hatte ich freilich einen Puffer eingeplant. Man lernt ja irgendwann, dass man, wenn man zum Beispiel um 14.00 Uhr mit den Kindern im Auto sitzen sollte, um spätestens 13.30 Uhr anfangen muss, selbige zu diesem Auto zu bringen. Denn je nach Alter der Kinder kacken sie kurz vor Aufbruch noch monstermäßig in die Windel, leeren sich ein halbes Glas Apfelsaft übers Kleid oder müssen „unbedingt noch den Lego-Drachen fertigbauen“. Soll heißen: Mein Puffer ist aus zwei der drei genannten Gründe (Windel brauchen wir keine mehr) geschmolzen, und dann waren wir zu spät dran.

Das Problem dabei: Fortbewegung mit Kindern ist eigentlich keine Fortbewegung. Es ist nicht mal wirklich Bewegung. Es ist mehr ein Fußgänger-Stop-and-Go mit mehr Fokus auf Stop und weniger auf Go. Schließlich liegen da Regenwürmer, Käfer, Hundstrümmerl, Steine, Zweige, Äste, noch mehr Steine, Papierln, zertretene Dosen und ausgespuckte Kaugummis herum, und die muss das Kind begutachten. Also ALLE. Und begutachten bedeutet nicht „im Vorbeigehen anschauen“, nahaaain. Das Kleinkind muss stehenbleiben, sich runterbeugen, „Schau mal, Mama!“ rufen, es angreifen, es aufheben, es auf den Schrei der Mutter „Lass die Schnecke, die ist gacka!“ wieder fallenlassen – und so vergehen die Stunden.

Karikatur: Thomas Selinger, www.seli.at

Sie brauchen keinen Workshop über „Achtsamkeit im Alltag“ teuer zu bezahlen, bei dem Sie lernen, jeden Bissen bewusst wahrzunehmen und jeden Schritt einzeln zu setzen, Sie brauchen nur mit einem kleinen Kind spazieren zu gehen. Gratis dazu gibt’s einen Produkttest für die Reißfestigkeit Ihres Geduldsfadens, und am besten nehmen Sie zwei davon mit. Je öfter Sie dem Kind sagen, dass Sie es eilig haben, umso langsamer wird es gehen. Auch ein „Ja, wirklich schön, Jonas-Hannes, aber ich hab in meinem Leben schon viele Blätter gesehen“ wird das Kind nur mäßig beeindrucken. Sie können also entweder am (dann vermutlich schreienden) Kind zerren, oder sich seiner Geschwindigkeit anpassen und „Scheiß drauf, kommen wir halt zu spät“ denken. An besagtem Tag bin ich dann übrigens, während ich auf die Kinder gewartet hab, gestürzt (weil ich mich zu schnell bewegt hab!) und musste den Rückweg humpelnd zurücklegen. Sie sind meterweit vor mir hergerannt: „Mamaaa, komm schon, du lahme Ente!“

Mareike Fallwickl arbeitet als freie Texterin und Lektorin. E-Mail: interaktiv@svh.at.