Halbe Siedlung fährt „auf leisen Sohlen“

Elektromobilität wird im Köstendorfer Ortsteil Vogeltenn groß geschrieben. Fast jeder zweite Haushalt hat ein E-Auto – und das schon seit fünf Jahren. Ein Bericht über die wahren Pioniere.

Es gab sie auch – die Skeptiker. Eine Nachbarin, die partout nicht ins Elektroauto einsteigen wollte. „Ich habe ihr dann Fahrstunden gegeben. Jetzt bringen wir sie nicht mehr raus“, sagt Franz Schinwald. Er lebt mit seiner Frau Marianne in Köstendorf, Siedlung Vogeltenn. Das ist ein besonderer Flecken Erde, denn hier besitzt fast jedes zweite der 80 Häuser ein E-Auto.

Und das bereits seit fünf Jahren. Wie es dazu kam? Bürgermeister Wolfgang Wagner – er arbeitet bei der Salzburg AG – hatte sich nach einer Region umgesehen, in der auf überschaubarer Fläche 30 bis 40 Photovoltaikanlagen errichtet werden könnten.  Interessierte Köstendorfer waren schneller gefunden als gedacht. Zumal die Salzburg AG für jeden Teilnehmer  ein Elektroauto oben drauf packte – als „Zuckerl“, für ein Jahr zum Nulltarif.

Heute, fünf Jahre später, zahlen die Vogeltenner Pioniere für ihr Auto 29 Euro im Monat – Service und Versicherung inklusive. „Wir profitieren schon saftig“, hält Schinwald mit seiner Begeisterung nicht hinter dem Berg. Zumal für die  Errichtung der Photovoltaikanlage nur die Hälfte der sonst üblichen Kosten anfiel.

Bis heute hat sie Strom für umgerechnet rund 60.000 Kilometer erzeugt – das kann Schinwald per Mausklick auf seinem Computer ablesen. 57.000 Kilometer zählt der Tacho des Autos.   Stromproduktion und -verbrauch halten sich also  die Waage. Das Elektroauto zu fahren, ist dem Paar   – wie auch der  anfangs noch renitenten Nachbarin – in Fleisch und Blut  übergegangen.

Franz Schinwald, Marianne, Vogeltenn, Elektromobilität

Und selbst Köstendorfer, die nicht Teil des Projekts sind, profitieren.   Das E-Auto des Bürgermeisters fungiert zwei Tage die Woche als Sozialtaxi, mit dem sich kranke oder alleinstehende Mitbürger unter dem Motto „auf leisen Sohlen“ zum Arzt oder in die Bücherei der Nachbargemeinde fahren lassen können. Der pensionierte Bezirksschulinspektor Schinwald ist einer der „Taxler“. Bei den Autos handelt es sich um norwegische Fabrikate, die über eine Reichweite von 100 Kilometern verfügen.  Im Sommer schaffen es die Schinwalds mit dem Flitzer zwei Mal nach Salzburg und retour. Im Winter geht sich die 60-Kilometer-Strecke ein Mal aus. „Das macht aber nichts, weil wir das Auto automatisch anstecken, wenn wir aussteigen“, schildert das Paar.

Das „andere“ Auto mit dem Verbrennungsmotor steht die meiste Zeit über in der Garage. Es kommt nur mehr  zum Einsatz, wenn das Ehepaar weitere Strecken zurücklegt – etwa nach Wien. Dank des Elektroautos sparen sie „schmutzige“ Kilometer. „Es ist schon ein gutes Gefühl zu wissen, dass man  die Luft nicht verpestet“, sagt Schinwald. Seine Frau wünscht sich mehr E-Mobilität in der Stadt: „Es würde  viel ruhiger werden.“

Wenig abgewinnen können die beiden Flachgauer der  Idee, die Busspuren für E-Autos zu öffnen. Wobei sich ihre Argumente unterscheiden. Während für Franz der wuchtige Obus in keinem Verhältnis zu seinem fragilen Fahrzeug steht und er von Beklemmungszuständen spricht, sieht seine Frau damit den Vorrang für die Fahrgäste beschnitten: „Wer im Bus fährt, nimmt  einiges in Kauf: Man steht dicht an dicht, es ist eng und unbequem. Da sollte der Bus wenigstens pünktlich ankommen dürfen.“

Die Kehrseite für die Vogeltenner: Fünf Jahre sind für die E-Autos der ersten Stunde eine lange Zeit. Die Batterien sind schwächer geworden, die Ladung dauert länger. Der Autohersteller ist in Konkurs gegangen, manchmal gibt es Probleme mit Ersatzteilen. Doch im Dezember läuft das Projekt ohnehin aus. Die Teilnehmer wissen  noch nicht, in welcher Form es fortgesetzt wird.
Wie auch immer: Franz Schinwald und Gattin sind infiziert. „Wir haben die Elektromobilität kennen und schätzen gelernt. Und: Wir bleiben dabei.“  Einmal Elektro-Fan, immer Elektro-Fan.

Text und Bilder von Sigrid Scharf

Die Autorin ist erreichbar unter sigrid.scharf@svh.at