Velomobil: „Mango“ verblüfft Salzburgs Autofahrer

Die neue Mobilität verändert das Straßenbild: Auto, Fußgänger, immer mehr Radler, dazu E-Bikes. Und jetzt ein Stadt-Salzburger, der mit einem „Ei“ auf Salzburgs Straßen rollt – mit bis zu 70 km/h. Was Wunder, dass sich so mancher Autofahrer darüber aufregt.

Dieser Mann ärgert die Autofahrer, wenn er – in seinem wunderlichen Gefährt sitzend –  am Stop&Go-Verkehr vorbeirauscht. Oder wenn er sich auf städtischen Hauptverkehrsrouten wie der Alpenstraße raumgreifend ins Getümmel stürzt, die gesamte Spur einnimmt und Autofahrer seinetwegen bremsen müssen.

Auch Fußgänger verrenken sich die Hälse, wenn sie Hubert Feik angesichtig werden. Denn der darf in seinem Velomobil nicht nur auf den Straßen fahren, sondern auch Radwege und Parks in Beschlag nehmen.

„Ist das ein Auto?“, fragen ihn viele. Nein, ist es nicht. Optisch erinnert der Flitzer an die Anfänge der Automobilindustrie, doch die „Mango plus“  ist ein  Fahrrad. Die Hülle besteht aus  Alurahmen, Carbon und Glasfaser – leichte Materialien, die das Gewicht unter 30 Kilo halten. Dieser Umstand sowie der tiefe Schwerpunkt – der Fahrer sitzt nur wenige Zentimeter über der Straße – und die aerodynamische Bauweise ermöglichen beachtliche Geschwindigkeiten. Bis zu 70 km/h bringe er bei leichtem Gefälle auf die Straße, sagt Feik, der im Salzburger Stadtteil Parsch wohnt. Sportlichere Versionen der „Mango“ schafften sogar  80 km/h, weiß der Behindertenbetreuer zu berichten. Um sofort zu ergänzen: „Natürlich gelten auch für uns die Tempolimits.“

Dennoch macht er die Erfahrung, dass ihn  andere Verkehrsteilnehmer kritisch bis misstrauisch beäugen. Auf die zweithäufigst gestellte Frage: „Ist das Ding nicht gefährlich?“ antwortet er mittlerweile stereotyp: „Nein, es beißt nicht. Sie dürfen es ruhig streicheln.“ Einmal hätte ihn eine sich schminkende Linksabbiegerin  beinahe übersehen. Auch dass ihm ein Taxler zu eng auffahre oder ein 18-Tonnen-Lkw einen Meter Abstand als ausreichend empfinde, sei vorgekommen. „Solche Zwischenfälle sind aber auf Stadtgebiet eher selten“, sagt Feik. Die allermeisten Lenker  würden „fast schon übertrieben“ Abstand halten, erzählt er.

Es ist keine Rakete, kein Auto – sondern ein Fahrrad!

Sein Freund Christian Bauer ist  der zweite stolze Besitzer einer „Mango plus“ in der Stadt – seit Juni 2016. „Es ist schade, dass ich damit so lange gewartet habe“, sagt Bauer, der  aus der Fahrrad-Branche kommt: „Denn ich spare mir damit das Fitnessstudio und kann essen, was ich will.“

Sie fahren „Mango“: Christian Bauer (l.) und Hubert Feik mit ihren Töchtern Anja und Johanna.

Links und rechts des Sitzes ist  Platz für jeweils 50 Liter kleinteiliges Gepäck. Nur mehr für längere Fahrten in den Urlaub oder zum Skifahren wird auf das Auto der Lebensgefährtin zurück gegriffen. Sonst hat immer die „Mango“ die Nase vorn. Rund 3000 Kilometer spulte Bauer im Vorjahr  ab. Und es würden immer mehr, zeitgleich sinke die Zahl der mit dem Auto gefahrenen Kilometer.

„Da entsteht eine Art positiver Teufelskreis: Man kommt schnell von A nach B, fährt deshalb gern und viel, gewinnt an Kraft und fährt noch lieber“, erklärt Bauer das Prinzip.
Als „leichte Fahrt ohne besondere Kraftanstrengung“ bezeichnet sein Kumpel Feik es, wenn er wie meistens durch das Stadtgebiet „mango’t“ – mit rund 40 bis 45 km/h. Für die Strecke „Zentrum im Berg“  (Schallmoos) bis in die Shopping Arena Alpenstraße benötigte er zuletzt zehn Minuten  – das schaffen die Autofahrer nicht, was den einen oder anderen  wurmen dürfte.

Eine Pause gönnt Feik seiner „Mango“ nicht einmal im Winter. „Bei den minus 16 Grad Celsius zuletzt habe ich lediglich Winterradschuhe, lange Skiunterhose, dünne Handschuhe und Haube übergezogen“, sagt er. Bis auf den Kopf ist vom Fahrer des  Flitzers ohnehin  nicht viel zu sehen.

100-Kilometer-Verbrauch? „Der entspricht dem Kalorienwert von zwei Litern Cola.“

Feik ist im vergangenen Jahr 7000 Kilometer gestrampelt. „Hätte ich nicht krankheitshalber zehn Wochen pausieren müssen, hätte ich die 10.000er-Marke gesprengt“, sagt er. Auch er hat sich von einem privaten Pkw  verabschiedet. Kostenmäßig liegen die „Mangos“ nahezu im Bereich eines Kleinwagens. Für die Basisausstattung sind rund 5500 Euro hinzublättern. Der Grund dürfte sein, dass es  sich dabei um handgefertigte Fabrikate der holländischen Manufaktur „Sinner Bikes“ handelt. Das Modell der  Salzburger ist seit zehn Jahren auf dem Markt, trotzdem gibt es weltweit nur 450 Stück.  Feik und Bauer haben nachträglich in Eigenregie Blinker und Bremslichter eingebaut. Der Wert ihrer Gefährte hat sich dadurch fast verdoppelt.

Beide „Mangos“ sind reine „human power vehicles“ – der Antrieb erfolgt ausschließlich über Muskelkraft. Wie bei einem E-Bike könnte aber auch jede „Mango“  mit einem Elektromotor versehen werden. Das führe auch die Ausrede vieler  ad absurdum, sie würden nicht Rad fahren, weil sie unverschwitzt im Büro ankommen wollten.

Fahren kann das spezielle Gerät im Prinzip jeder. Es braucht keine Prüfung. Durch die drei Räder der „Mango“ kann man höchstens schleudern, jedoch nie stürzen oder umfallen.  Und sollte Sie Ihnen dieser Tage im Straßenverkehr unterkommen, vergessen Sie nicht: Nicht ärgern, nur wundern.

Was sagen die Experten?

Wie beurteilen Experten die  „Mangos“? Radkoordinator Peter Weiß findet sie in der Stadt problematisch  – „zum Glück ein Minderheitenprogramm für einzelne Spinner.“ Ursula Hemetsberger vom Straßenbau-Referat ist gelassen: „Autofahrer kennen das nicht und halten Abstand. Das ist gut so.“ Übrigens:  Schon mehr als 20 Prozent der Verkehrsteilnehmer der Stadt sind Radfahrer.

von Sigrid Scharf

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Bilder: Sigrid Scharf/Marco Riebler