„Theater muss populär werden, nicht populistisch“

Warum das Landestheater aufs Land drängt  und der Chef die Neustadt gar so hässlich findet.

Er ist am Chiemsee aufgewachsen – und hat Salzburg früh lieben gelernt. Landestheater-Intendant Carl Philip von Maldeghem im „Stadtgespräch“.

In der Stadt Salzburg muss der Bürgermeister vor Gericht, in den USA regiert ein Präsident, der alles ändern will. Gerät die Welt aus den Fugen?
So weit würde ich nicht gehen. Aber keine Frage: Es sind turbulente, auch beunruhigende Zeiten. Wir haben am Landestheater ja schon vor dem Salzburger Finanzskandal Stücke wie „Wir gründen eine Bank“ gespielt, in denen es um die Mechanismen der scheinbaren Geldvermehrung ging und was das mit den Menschen macht. Aktuell proben wir „Lulu“ und der Text zeigt auf, wie Egoismus, Lust und Suchtempfinden im Feld von Politik und Finanz verheerend wirkt. Umso befremdlicher ist es, dass in der Stadt gerade der Bürgermeister angeklagt wird.

Ist das Zusammenspiel von Kapitalismus und Politik prägend für unsere Zeit?
Es ist ein Aspekt. Der andere ist das merkwürdige Erstarken von Figuren, die sich für starke Männer halten – egal, ob man Donald Trump oder Wladimir Putin anschaut. Dass das von weiten Teilen der Bevölkerung mittlerweile nicht nur für möglich, sondern auch gut gehalten wird, erfüllt mich mit Sorge.

Warum ist das so?
Ich glaube, wir machen uns gar nicht mehr bewusst, wie viele Vorteile Europa uns in den vergangenen 20 Jahren gebracht haben und dass das jetzt Tendenzen sind, die dem entgegenwirken.

Was bedeuten solche autoritären Tendenzen für Kunst und Kultur?
Wir müssen einfach unsere Arbeit machen! Kultur kann den Zusammenhalt der Gesellschaft fördern. Theater sind Identifikationsorte, in denen man Schicksale erleben kann und das Theater hat noch heute eine starke soziale Kraft. Denn Theater geht nie allein, nur gemeinsam.

Aber Theater war lange der Platz, der Gesellschaft revolutionieren wollte.
Theater entstand aus der Bürgerschaft, auch unser Landestheater. Aber es stimmt, dass es mit den 1968ern revolutionärer und in der Folge (80er, 90er) zum Elfenbeinturm wurde. Das war mir persönlich zu elitär. Ich möchte, dass Theater ein Ort für alle Bürger ist. Deshalb war mir ein Stück wie „Funny Girl“ über ein muslimisches Mädchen, das Comedian werden will, so wichtig. Wir überlegen gerade, „Kick it like Beckham“ zu spielen – ein Stück über ein indisches Mädchen, das Fußballerin werden will.

Das heißt, Theater muss populärer werden?
Ja, aber nicht populistisch. Populär in dem Sinn, dass wir Stoffe liefern, die aus dem Leben gegriffen sind. Ich sehe ja selbst an meinen eigenen Kindern, dass sie kaum noch klassische Stücke lesen. Sich im Theater darauf zu fokussieren, reicht also nicht mehr.

Ist das auch ein Zugeständnis daran, dass es immer weniger Geld von der öffentlichen Hand gibt?
Eigentlich nicht. Wir haben einen Auftrag und eine gute Förderung. Ich habe persönlich ein Interesse, Themen zu besetzen, die möglichst viele Menschen interessieren. Die Zeiten, in denen es hieß: Ein leeres Theater ist ein gutes Theater – die sind lang vorbei.

Und die Jugend haben Sie auch noch nicht aufgegeben fürs Theater?
Gar nicht. Wir setzen stark auf Jugendarbeit und haben hier die stärksten Zuwächse. Natürlich hat die Jugend große Affinität zu Facebook & Co, doch das gemeinsame Erleben, das Durchspielen von Konstellationen, reizt die Jungen sehr. Wir haben einen Jugendchor mit 180 Mitgliedern, drei Jugendclubs mit 100 Aktiven. Gerade das aktive Mitmachen zieht. In diesem Sinn ändert sich auch Theater: Zuschauen und passiv konsumieren reicht nicht. Es gibt partizipative Elemente, mit denen die Zuschauer in das Geschehen eingebunden werden.

Wie wollen Sie das Landestheater weiterentwickeln?
Wichtig wäre mir, das Landestheater nicht so sehr auf den Zentralraum zu konzentrieren, sondern auch aufs Land hinauszutragen. Das wollen wir jetzt anpacken.

Das Landestheater geht in die Bezirke?
Ja, wir haben ja schon eine Premiere in Seekirchen gespielt, es gibt eine mobile Produktion, die im Oval startet, die aber überall im Land gespielt werden kann. Da gibt es Gespräche mit Akzente. Ab der nächsten Spielzeit haben wir zudem eine Tanzpädagogin, mit der wir Workshops ausbauen können.

Und damit gehen Sie Innergebirg?
Genau. Da muss die gesamte Ausstattung in einen Kleinbus passen. Dann hat es Charme. Ich habe den Eindruck, dass das Stadt-Land-Gefälle bei der Kultur eher zunimmt. Wir wollen beitragen, dies zu ändern. In vielen Orten wird hervorragend gearbeitet, das wollen wir unterstützen.

Initiativen vor Ort würden also eingebunden?
Ja klar. Wir gehen nicht aufs Land und sagen: ,Wir wissen alles besser.’ Es muss ein Dialog entstehen, dann wird es fruchtbar.

Gibt es schon ein konkretes Projekt?
Wir werden sicher mit Seekirchen neue Projekte machen, es gibt aber erste Gespräche auch Innergebirg. Dazu kann ich aber noch nichts sagen.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Wie würde er lauten?
Stadt und Land sollten sich stärker bewusst machen, dass Kultur jenes Gut ist, das dem Land Alleinstellung gibt. Es ist nämlich noch immer so, dass die meisten Bundesländer mehr für Kunst und Kultur tun als Salzburg. Das Land Oberösterreich gibt etwa deutlich mehr für Kultur aus als Salzburg. Das ist traditionell so, diese Tendenz hat sich zuletzt aber verstärkt, weil Oberösterreich massiv in Theater und Kultur investiert.

Und wo sehen Sie abseits der Kultur Handlungsbedarf?
Mich verblüfft es immer wieder: Die Altstadt ist so schön, aber die Vorstädte schauen architektonisch dermaßen wenig einladend aus. Diese Neugestaltungen – ob Strubergasse oder Riedenburg – erscheinen mir unüberlegt und man hat den Eindruck, dass die Architekten und Bürger wahnsinnig weit auseinander sind. Wobei ich absolut dafür bin, dass man Großprojekte durchsetzen soll. Denn ohne diese gäbe es keinen Dom oder keine Kollegienkirche. Aber die Architektur außerhalb des Zentrums finde ich verheerend – und auch die architektonischen Entscheidungen, die dahinter liegen.

Versagt die Landeshauptstadt städtebaulich?
Wenn ich vom Flughafen in die Stadt fahre, dann ist das ästhetisch zum Verzweifeln. Da fehlen Dinge, die sich die Erzbischöfe noch gegönnt haben – Weitsicht, Mut, Durchsetzungskraft. Aber wie früher eine Schneise in die Landschaft zu schlagen, ist heute auch nicht mehr möglich. So realistisch muss man sein.

Von Hermann Fröschl