Goldene Kindheit

Letztens hab ich ein paar alte Hadern von ABBA und den Bee Gees aufgedreht, extralaut, und mit den Kindern dazu getanzt.

Ich hab ihnen die wichtigsten Moves gezeigt, den ausgestreckten Zeigefinger, der im Takt vom Körper weggestreckt die Runde macht, die zum V geformten Finger, die in Pulp-Fiction-Manier vor den Augen vorbeigezogen werden, und all die klassischen Bewegungen, ohne die man in den letzten Jahrzehnten auf einer Tanzfläche schön blöd dagestanden wäre.´Zum Schluss sind wir sogar bei DJ Bobo gelandet, damit sie mal hören, was in meiner Jugend in war, und dann wurde es wirklich übel – aber auch saulustig.

Und wie wir da so gehüpft sind und gelacht und geschwitzt haben, hab ich mir gedacht: Das sind die goldenen Tage. Weil: Meine Kinder finden mich super. Ich bin ihr Hero. Die mögen mich. Die glauben, dass ich cool bin und witzig, dass ich auf alles eine Antwort hab und mir immer klar ist, was zu tun ist. Sie sind halt noch klein und wissen es nicht besser. Aber bald werden sie groß sein, und dann ist das vorbei.

Karikatur: Thomas Selinger, www.seli.at

Dann fliegt mir „Du nervst“ und „Geh aus meinem Zimmer“ und „Ich zieh zur Oma“ um die Ohren. In zehn Jahren werden sie sich pubertierisch aufregen, und statt mir, wie heute, zu erzählen, was sie gemacht haben und was ihnen so durch den Kopf geht, werden sie mich mit einem Schnauben abspeisen und sich ausschweigen. Und dann, noch später, werden sie mich alle heiligen Zeiten anrufen und mich noch seltener besuchen, wahrscheinlich dann, wenn ihnen die saubere Wäsche ausgeht oder sie Geld brauchen. Ich mach mir da keine Illusionen.

Deswegen muss ich die Zeit nutzen, die mir noch bleibt. Ich genieße es, wenn die Kleine auf meinem Schoß sitzt, ich konzentrier mich ganz auf diesen Kinderkörper, auf die Wärme, den Duft ihrer Haare. Und obwohl der Große das schon nicht mehr so mag, nehm ich ihn bei jeder Gelegenheit an der Hand, weil ich gern seine Hand in meiner spüre, bevor er sie mir irgendwann überhaupt nicht mehr geben und überall allein hingehen wird. Ich bin keine Sentimenti-Mama, die dauernd jammert „Na gööö, sie werden so schnell groß“ – ich freu mich über alles, was sie selbstständiger macht.

Aber trotzdem: Bei jedem Zentimeter, den sie wachsen, geht ein Stück vom Kindsein verloren. Wenn sie mir also wieder bis aufs Klo folgen, abends beim Einschlafen fünfundzwanzigmal „Maaamaaa“ rufen und überall Legosteine rumliegen lassen, auf die ich draufsteige, halte ich mir vor Augen, wie sehr ich das alles irgendwann vermissen werde. Bis auf das Lego.

Mareike Fallwickl arbeitet als freie Texterin und Lektorin. Mail: interaktiv@svh.at