Karriereplanung im Kindesalter: „Gym“ für viele ein Muss

Auf Hochtouren läuft die Suche tausender Eltern nach einer weiterführenden Schule für ihre Kinder. Der Drang ins Gymnasium ist enorm. Schon in der vierten Klasse Volksschule stehen Kinder, Eltern und Lehrer gehörig unter Druck.

„In der Klasse meiner Tochter wollen alle ins bestmögliche Gymnasium kommen, da herrscht ein  großer Druck“, beschreibt der Vater der neunjährigen Anna den vorweihnachtlichen Stress tausender Eltern, die für ihre Kinder in diesen Tagen die Weichen für die weitere Schulkarriere stellen müssen. Zu den Favoriten zählten  das Herz-Jesu-Gymnasium, das Akademische Gymnasium und das Bundesrealgymnasium (BRG), erzählt der Vater, der nicht glaubt,  dass alle  Viertklassler-Kollegen seiner Tochter dorthin passen. Für seine   Anna könne er sich auch   eine Neue Mittelschule (NMS)  vorstellen. „Hauptsache, das Kind ist glücklich.“

Neue Mittelschulen haben oft schlechtes Image

Eine Stunde lernt der neunjährige Tobi derzeit täglich mit seiner Mutter.  Sie hat viel zu erzählen über die Problematik, nur ihren Namen will sie nicht in der Zeitung lesen. Könnte ja ihrem Sohn schaden.    Nur mit möglichst vielen Einsern habe er ein Ticket fürs „Gym“, weiß die  Maxglanerin. „Er soll in ein Privatgymnasium kommen. Dort ist viel Platz und eine gute Nachmittagsbetreuung.“ Den Notendruck spüre Tobi, sie gebe ihn wohl unbewusst  weiter, so die Mutter. Aber es sei halt jetzt nötig, denn eine NMS komme nicht infrage. „Die Qualität einer Schule leidet, wenn dort viele schwierige Kinder  und Zuwandererkinder  sind.“

Unklar, wonach Schüler ausgewählt werden

Nervös und unter Druck sei auch ihr Sohn, der noch recht verspielt sei, aber unbedingt „ins Gym“ wolle, sagt eine andere Mutter.  In der dritten Klasse hatte Christoph lauter Einser, jetzt aber stehe er auf Zweiern, alles sei offen. Die Salzburgerin sorgt sich „dass er nach vier Jahren Gymnasium völlig fertig ist“.
Was die Eltern von Christoph, Tobi und Anna eint, ist die Erfahrung: „Die Schulsuche ist mühsam.“ Und:   „Kein Direktor sagt dezidiert,  wonach er die Schüler  wirklich aussucht.“

Kinder nervös, Eltern  gestresst, Noten „geschenkt“

Es sei „gerade sehr scharf“, was den Zugang zum Gymnasium angeht, erzählt eine erfahrene Volksschulpädagogin.  In manche AHS komme man praktisch nur mit lauter Einsern und dass sogar Zeugnisse der dritten Volksschulklasse verlangt würden, sehe das Gesetz nicht vor. Da sei es kein Wunder, dass immer öfter Eltern Noteneinsprüche erheben, sogar schon gegen Zweier.
Die „schwierige Lage“ bestätigt Christian Leitich, Lehrer an der VS Oberndorf und Pflichtschullehrer-Gewerkschafter (FSG). „Eltern drücken Lehrern gegenüber die Erwartungshaltung aus, wo es hingehen muss: ins Gymnasium“. Es gebe immer wieder Kollegen, die den Kindern „nichts verbauen wollen“ und deshalb Noten schenkten.

Sogar Zeugnisse der 3. VS-Klasse werden verlangt

Wie groß der Drang ins Gymnasium ist, sieht man aktuell bei den vielen Tagen der offenen Tür. „Die Aula war zwei Mal hintereinander voll, das sind rund 400 Menschen“, beschreibt Johannes Schiendorfer den Ansturm, der kürzlich am BRG Salzburg herrschte. Für die 100 Plätze in den Schwerpunktklassen Informatik beziehungsweise „Projekt und Labor“ haben sich im Vorjahr 180 Schüler beworben. Zu der dafür nötigen „Eignungsberatung“ sind bereits mehr als 120 Volksschüler angemeldet. Man schaue bei dieser Gelegenheit an, wie die Kinder arbeiten – und ihre Zeugnisse aus der dritten Klasse. „Da sehen wir den bisherigen Schulerfolg“, rechtfertigt dies Schiendorfer. Der Großteil der aufgenommen Schüler habe lauter Einser. Das Haus war voll, schildert auch Jochen Gaderer vom Sport- und Musik-Realgymnasium Salzburg. Für die 28 Plätze in der Sportklasse bewerben sich jährlich mehr als 100 Kinder.

Drang in Gymnasien steigt weiter an

Eine  deutliche Sprache sprechen die Zahlen der Salzburger Landesstatistik. Seit 2006 sind die Schülerzahlen insgesamt und vor allem in den NMS  am Land  Jahr für Jahr geschrumpft. Die Gymnasien aber haben ihre Schülerzahlen gehalten. Der Zug zum „Gym“ wird immer stärker, wie die steigenden Übertrittsraten   (von VS in AHS) zeigen: In der Stadt Salzburg wechselt schon mehr als die Hälfte der Volksschüler (52,3 Prozent) in ein Gymnasium  (Daten aus 2014/15). Im Flachgau sind es 32,7 Prozent, im Tennengau 29,6 Prozent.

Lehrer: „Das Problem wird nicht kleiner.“

„Die Eltern denken, dass dort die Bildungschancen höher sind. Fraglich ist, wie sinnvoll die in Österreich so frühe Selektion mit zehn Jahren ist“, sagt Josef Thurner, Landesschulinspektor für die NMS. Das Bildungsniveau in den NMS sei „gut“.  „Aber das Niveau sinkt, weil immer weniger gute Schüler in die Neuen Mittelschulen gehen“, sagt Lehrer und Gewerkschafter Christian Leitich. Dass die AHS gute Schüler abziehen, Kinder großem Notendruck ausgesetzt sind und Lehrer Noten schenken, werde sich  nicht ändern,  solange  das Gymnasium in der Langform bestehe.

Von Sabine Tschalyj