Das Gewissen der Nation

Wenn jemand, der sich wie der Autor dieser Zeilen mit der Musik des Austropop-Urgesteins Rainhard Fendrich bisher nur periphär beschäftigt hat, plötzlich zum  glühenden Fendrich-Verehrer wird, muss etwas Einschneidendes passiert sein.

Im konkreten Fall ist dieses Ereignis das vor knapp zwei Monaten veröffentlichte Album „Schwarzoderweiss“. Mag sein, dass Fendrich schon bisher intelligente Texte verfasst hat und viele Perlen aus dem Oeuvre des gebürtigen Wieners dem Kolumnenschreiber einfach  nicht bekannt sind.

In einer derartigen Dichte nachdenkliche, gesellschaftskritische, zutiefst melancholische Lieder zu schreiben, wie es auf „Schwarzoderweiss“ der Fall ist, gelingt allerdings nicht vielen Künstlern mehr als einmal. Die 14 Stücke seien also sowohl jenen empfohlen, die schon bisher von Fendrichs Qualitäten überzeugt waren, als auch jenen, die bis dato einen Bogen um  die Musik des  1981 mit „Strada del sole“ berühmt gewordenen Barden gemacht haben.

Mit „Schwarzoderweiss“ bewirbt sich Fendrich um nichts weniger als den Titel „Gewissen der Nation“.   Im Titelsong entlarvt der 61-Jährige den Alltagsrassismus. Krieg, Fanatismus und deren Auswirkungen auf unser Leben besingt Fendrich in „Frieden“, „Die heile Welt“ und „Wer schützt Amerika“. Smartphone-Zombies kriegen in „Wenn du was willst“ ihr Fett ab. „Du bist schön“ liefert eine völlig unkitschige Liebeserklärung. Man hätte genauso gut fünf andere Songs nennen können – ein Album ohne Ausfaller.

Thomas Strübler