„Hundebesitzer und Emanzen sind schon wehleidiger als die Katholiken“

Seit knapp 30 Jahren prägt Thomas Wizany (48) mit seinen Karikaturen für die „Salzburger Nachrichten“ die heimische Medienlandschaft. Im Interview spricht er über die Kunst der Karikatur und leicht erregbare Gemüter.

Waren Sie eigentlich ein freches Kind?
Ich war nach außen hin ein braves und angepasstes Kind. Ich hatte aber schon immer eine anarchistische Ader in mir. Das Zeichnen war wohl schon damals ein Ventil, frech sein zu dürfen.

Obrigkeitshörigkeit gilt als typisch österreichisch. Sehen Sie das auch so?
Es ist interessant, wenn man nach 30 Jahren zurückschaut, wie sich die Zeitung – und die ist schließlich ein Spiegel der Gesellschaft – entwickelt hat. Es war zum Beispiel in den Anfangsjahren viel schwieriger, eine kirchenkritische Zeichnung zu machen. Ich glaube, dass sich das sukzessive aufweicht und die Obrigkeitshörigkeit weniger wird.

Gibt es so etwas wie unterschiedliche Karikatur-Kulturen?
Ja, absolut. Das Extrembeispiel ist Frankreich, wo seit der Französischen Revolution die Obrigkeitshörigkeit komplett abgeschafft ist und seither wilde Karikaturen gezeichnet werden. In Österreich ist die Tradition – nach 500 Jahren Habsburgern, Austrofaschismus und Nationalsozialismus und natürlich Katholizismus Ende nie – eine andere. Diejenigen, die kritisch und frech waren, mussten immer schauen, wie sie die Klippe der Zensur umschiffen können. Und daraus entsteht ein sehr subtiler Humor, der für mich interessanter ist als der Holzhammerhumor, den man aus anderen Ländern kennt.

Politiker sagen, „vom Wizany gezeichnet zu werden ist eine Ehre“ – glauben Sie ihnen das?
Ja, schon. Das Schlimmste für einen Politiker ist, wenn er nicht gezeichnet wird. Vor einigen Monaten bei einer Ausstellungseröffnung hat es der Landeshauptmann gut auf den Punkt gebracht. Er hat gesagt, für einen Politiker gibt es drei Eskalationsstufen: die erste, wenn er gezeichnet wird, die zweite, wenn er merkt, dass er der Karikatur immer ähnlicher schaut, und die dritte, wenn er nicht mehr gezeichnet wird.

Können Sie über die Politik noch lachen oder zeichnen Sie mit Schaum vorm Mund?
Mit Schaum vorm Mund nie. Ich habe trotz aller Kritik, die ich immer übe, großen Respekt vor Politikern. Das tut, glaube ich, der Karikatur auch gut. Wenn man grundsätzlich daherkommt und sagt, die Scheißpolitiker, sind eh nur Trotteln – dann gleitet die Zeichnung ab. Außerdem: Wenn du jeden Tag die Möglichkeit hast, etwas loszuwerden, staut sich dieser Ärger nie so auf. Mein Beruf ist also psychohygienisch ein Traum.

„Wenn man grundsätzlich daherkommt und sagt, die Scheißpolitiker, sind eh nur Trotteln – dann gleitet die Zeichnung ab.“

Sind Ihre „Opfer“ wehleidig?
Eher nicht. Es gibt einige, die sind schon sehr eitel und lassen es dich auch spüren, dass es ihnen nicht gepasst hat, wie du sie gezeichnet hast. Aber immer mit einer gewissen Ironie und nicht direkt. Ich bin auch bestrebt, dass ich keine zu engen Kontakte zu Politikern aufbaue.

Im Zuge der „Charlie Hebdo“-Attentate wurde viel über die Grenzen der Satire diskutiert. Wo sehen Sie die?
Es gibt die generelle Ebene, da finde ich es toll, dass es in Europa die Freiheit der Kunst und die Freiheit der Meinung gibt und grundsätzlich jeder sagen darf, was er will. Den Rest müssen Gerichte beurteilen. Ich habe auch ein paar Typen von „Charlie Hebdo“ gekannt. Die wurden regelmäßig geklagt und regelmäßig freigesprochen. Das ist legitim. Wenn jemand die Regeln verändert und mit einer Kalaschnikow in die Redaktion kommt, zählt das halt alles nichts mehr. Dagegen müssen wir uns wehren.

Wie halten Sie es persönlich?
Ich finde es interessanter, wenn die Dinge hintergründiger sind und auch verschiedene Interpretationen zulassen. Ich habe aber auch absolut Respekt vor einem Zeichner wie Manfred Deix, der einen ganz anderen Zugang gehabt hat und kompromisslos seine Dinge gemacht hat. Bei mir selber würde ich die Grenze dort ziehen, wo jemand persönlich diffamiert wird. Und bei der Frage, ob eine halbwegs intelligente Idee hinter einer Zeichnung ist, ein kritischer Ansatz, oder geht es nur darum, billig jemanden vorzuführen.

Waren Sie selbst schon mit Drohungen oder zerstochenen Autoreifen konfrontiert?
Nein. Erstens leben wir in Österreich auf einer Insel der Seligen. Außerdem ist meine Art des Zeichnens nicht dazu angetan, dass Leute total aggressiv werden. Hin und wieder gibt es Leserbriefe, am ehesten merke ich es bei gewissen Themen. Emanzen zu beleidigen ist gefährlich. Hundebesitzer sind auch sehr intolerant. Es gibt einige Gruppen, die sind spaßfern und verstehen es halt nicht. Veganer, Vegetarier sind auch gefährlich. Alles, was in Richtung Dogmatismus läuft. Da sind mittlerweile die Katholiken schon harmloser. Letztlich geht es um Humor und Ironie – finde ich es bereichernd, wenn ich lachen kann, oder bin ich so eingenäht, dass ich hinter jeder Kleinigkeit Rassismus oder sonst was vermute?

„Es gibt einige Gruppen, die sind spaßfern und verstehen es halt nicht. Veganer, Vegetarier sind auch gefährlich. Alles, was in Richtung Dogmatismus läuft.“

Sie sind seit Jahrzehnten die karikaturistische Instanz in Salzburg. Ist ein Nachfolger in Sicht?
Ich war lange hinter Helmut Hütter der Zweite, in seinen goldenen Zeiten in den 70er-, 80er-Jahren. Da war ich noch ein junger Bub und ich habe immer sofort in den SN geschaut, was der Hütter gezeichnet hat. Er war sicher ein gewisses Vorbild. Vielleicht kommt jetzt durch den Karikaturenwettbewerb wieder jemand auf.

Sie sitzen in der Jury. Was macht für Sie eine gute Karikatur aus?
Grundsätzlich ist das Tolle an der Karikatur, dass es keine Regeln gibt. Du hast an einem Ende Tex Rubinowitz, der auf einen Käsezettel etwas mit dem Kugelschreiber kritzelt, und am anderen Ende technisch ausgereifte Typen wie Gerhard Haderer. Der malt Bilder auf 3 mal 3 Meter, wo du niederkniest. Trotzdem könnte ich nicht sagen, ob mir das Bild vom Haderer lieber ist als eine Kritzelzeichnung vom Rubinowitz, weil ich es genial finde, wie man mit minimalem Aufwand eine ähnliche Aussage zustande bringt. Bei der Bewertung war mir einfach wichtig, dass es gut ist. Das heißt nicht, dass es technisch perfekt sein muss, aber schon hintergründig. Und nicht nur irgendwen desavouieren. Ich bin selbst schon gespannt, wer der Sieger sein wird.

Interview: Michael Minichberger

Foto: Marco Riebler

Karikaturenwettbewerb 2016

Zum zweiten Mal verleiht der 1. Österr. Karikaturenverein den Salzburger Karikaturenpreis. Die Fachjury hat aus über 300 internationalen Einreichungen die Siegerzeichnungen ausgewählt. Die Preisverleihung, inklusive Salongespräch mit Thomas Wizany, Gerhard Haderer u. a., findet  am Freitag, 30. September, im Odeïon statt. Beginn 18 Uhr, Eintritt frei. 

Für sie war der Wettbewerb ein Sprungbrett

Für Gerhard Buchegger endete der 1. Karikaturenpreis im Vorjahr mit einem unerwarteten Erfolg. „Ich wollte einfach wissen, wie ich im Vergleich dastehe, und bin dann gleich Zweiter geworden.“ Dabei hatte der auf klassische Illustration spezialisierte Salzburger zuvor noch nie eine Karikatur gezeichnet. Durch seine prämierte Darstellung der Licht- und Schattenseiten Salzburgs fiel er auch dem Salzburger Fenster auf. Seit dem Relaunch im Mai unterstützt Buchegger die Redaktion mit humorvollen Karikaturen.

Thomas Selinger verfeinert mit seinen Zeichnungen die Zuckergoscherl-Kolumne. Er karikiert schon seit Kindheitstagen seine Weggefährten. „In den letzten Jahren ist es mir gelungen, meinen eigenen, unverwechselbaren Stil zu finden“, sagt der freischaffende Künstler. Auch Selinger fiel dem SF durch seine Teilnahme beim Bewerb auf. Heuer hat er erneut eine Zeichnung eingereicht.

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Die SF-Karikaturisten Gerhard Buchegger und Thomas Selinger.